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Regional Kunstwerk des Monats April: Rembrandts „Weiße Negerin“
Nachrichten Kultur Regional Kunstwerk des Monats April: Rembrandts „Weiße Negerin“
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20:44 12.04.2013
Radierung von Rembrandt: „Weiße Negerin“. Quelle: Kunstsammlung
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Göttingen

Die Diskussion um die Benennung Farbigern in historischen Kinderbüchern hat kürzlich wieder auf die Problematik aufmerksam gemacht. Schwarz wird heute als politisch korrekte Bezeichnung für dunkelhäutige Menschen verwendet. Die gesellschaftliche Stellung Schwarzer spiegelt sich in Kunst und Literatur, ist in einer sich selbst als weiß wahrnehmenden Gesellschaft vielfach von Stereotypisierung und Diskriminierung geprägt.

Doch Kunst als kulturelles Erbe wird häufig wohlmeinend rezipiert. Eine kritische Auseinandersetzung darf daher nicht einfach übernehmen, sondern sie muss Probleme offenlegen. Beispielhaft dafür wird eine Radierung Rembrandts aus der Kunstsammlung vorgestellt.

Die sogenannte „Weiße Negerin“ zeigt eine Frau im profilierten Brustbildnis. Rembrandt stellt die Frau mit flacher Stirn, ausgeprägten Nasenflügeln, aufgeworfenen Lippen und verdrehten Augen dar. Diese Physiognomie wurde gemäß damaliger Kunsttheorie als die der Schwarzen aufgefasst. Charakteristisch ist in der Radierung die Reduktion auf Konturen und Schatten, so dass die Haut weiß erscheint.

Der Bildtitel, den Rembrandt nicht selbst vergab, sondern der sich erst 100 Jahre später in dem Katalog des Kunsthändlers Edme-Francois Gersaint findet, spielt auf das Fehlen von Hautfarbe an. Die Benennung als „Weiße Negerin“ ist missverständlich, da außerhalb der Kunst schwarze Frauen mit Albinismus so bezeichnet wurden, die bis ins 20. Jahrhundert oft auf Jahrmärkten ausgestellt wurden.

Künstlerische Fertigkeit und Kreativität

Rembrandt hatte nicht die Absicht, eine schwarze Frau mit Albinismus darzustellen. In seiner „Heimsuchung“ von 1640 erscheint dieselbe Figur mit dunkler Hautfärbung. Diese Studienfunktion des Brustbildnisses verweist darauf, dass Rembrandt eine sogenannte Tronie schuf. In solchen standen der menschliche Ausdruck und die Physiognomie im Mittelpunkt.

Es handelt sich dabei um Typenbildnisse, die oft individuell wirken, jedoch nicht wie ein Porträt die Identität einer Person wiedergeben wollen. Mit solchen Arbeiten zeigten Kunstschaffende oft ihre künstlerische Fertigkeit und Kreativität.

Rembrandts Zuwendung zu Schwarzen ist vor dem Hintergrund der aufstrebenden Weltmachtinteressen der Niederlande zu Beginn des 17. Jahrhundert zu verstehen. In einer Vielzahl von Rembrandts Werken zeigt sich eine Faszination für Schwarze. Dabei orientierte er sich unkritisch an den Zuschreibungen und Positionierungen gegenüber schwarzen Menschen seiner Zeit.

Sein Typenbildnis macht diese Frau zum Objekt, das Künstler sich aneigneten, um ihre Malerei zu bereichern und sich selber zu inszenieren. Inwieweit solche künstlerischen Darstellungen unbewusst oder bewusst den in weißen Gesellschaften vorhandenen Rassismus mitgetragen und verstärkt haben, will die kritische Kunstgeschichte aufzuklären helfen.

Von Anika-Brigitte Kollarz

Autorin Anika-Brigitte Kollarz stellt das Kunstwerk des Monats am Sonntag, 7. April, um 11.30 Uhr im Auditorium, Weender Landstraße 2, Hörsaal 11  vor.

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