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Kunstwerk des Monats März in der Kunstsammlung der Uni Göttingen

„Opfer der Iphigenie“ Kunstwerk des Monats März in der Kunstsammlung der Uni Göttingen

Jeden Monat präsentiert die Kunstsammlung der Universität Göttingen im Alten Auditorium ein Objekt aus ihren Beständen. Es wird mit einem Einführungsvortrag vorgestellt. Diesmal: Eduard Bendemanns Vorzeichnung zum „Opfer der Iphigenie“.

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In Göttingen: die Räume der Kunstsammlung.

Quelle: Heller

Göttingen. Der Maler Bendemann, dessen Zeichnungen gerade in einer Ausstellung in der Gemäldegalerie der Göttinger Universitätskunstsammlung zu sehen sind, war in den 1830er und 40er Jahren eine internationale Berühmtheit. Als er 1888 starb, stand sein Ruhm allerdings bereits zur Diskussion. Gleichwohl birgt sein Spätwerk noch zahlreiche Überraschungen und belegt, mit welcher Intensität der Maler Anschluss an aktuelle Entwicklungen in der Kunst zu halten suchte.

Anatomische Studie: Detail aus einer Vorzeichnung Bendemanns. © EF

Quelle:

Museum Kunstpalast in Düsseldorf

Bendemanns letztes großes, ein Jahr vor seinem Tod abgeschlossenes Gemälde, das sich heute im Museum Kunstpalast in Düsseldorf befindet, ist hierfür ein eindrucksvolles Beispiel. Es zeigt das Opfer der Iphigenie und damit einen „klassischen“ Stoff aus dem Umfeld des Trojanischen Krieges, der etwa von Aischylos, Euripides und Racine literarisch umgesetzt worden ist: Um einen Bann zu lösen, der die Griechen auf der Insel Aulis festhält, soll deren Anführer Agamemnon seine Tochter Iphigenie opfern. Erst im letzten Moment wird das Opfer durch die Göttin Diana gelöst und Iphigenie auf die Insel Tauris entrückt. Bendemanns Gemälde zeigt, wie Iphigenie zum Altar getragen wird, während ihr Vater Agamemnon hin- und hergerissen ist zwischen der Pflicht, das Opfer anordnen zu müssen, und vom Schmerz über die drohende Tötung seiner Tochter. Ihm zu Füßen fleht seine Gattin Klytemnästra um die Verschonung des Kindes.

Es ist vermutlich kein Zufall, dass Bendemann gerade dieses Thema für sein letztes Gemälde gewählt hat: Schon in Plinius’ Historia Naturalis ist von dem antiken Maler Timanthes die Rede, der ein entsprechendes Gemälde geschaffen habe. Timanthes wird dafür gerühmt, das Antlitz von Agamemnon auf kunstvolle Weise verdeckt zu haben, um so der Schwierigkeit bei der Darstellung des verzweifelten Gesichtes zu entgehen. Bendemann hat es mit dem antiken Künstler aufgenommen und zeigt auf seinem Gemälde das Antlitz des Vaters. Man kann dies durchaus als Beleg für das ungebrochene Selbstvertrauen des Malers ansehen. Sein komplexes Gemälde ist dabei vor allem durch seinen bühnenhaften Aufbau und durch seine Auseinandersetzung mit den verschiedenen literarischen Bearbeitungen des antiken Stoffes bemerkenswert.

Bleistiftzeichnung mit Weiß-Höhungen

Das Kunstwerk des Monats März ist eine Vorstudie zu diesem Düsseldorfer Gemälde. Sie gehört zu dem umfangreichen Bestand an Bendemann-Zeichnungen in der Göttinger Universitätskunstsammlung, ist als Bleistiftzeichnung mit Weiß-Höhungen auf grauem Papier ausgeführt und zeigt mehrere, mit lockerem Strich gezeichnete Akt- und Gewandstudien eines Knaben in Rückenansicht. Der Name des Modells ist auf dem Blatt verzeichnet: Es handelt sich um Daniel Backhaus aus der Andreasstraße 17 – einer Straße in Düsseldorf, in der vor allem ärmere Handwerker lebten.

Die Studien beziehen sich auf die Figur des Orest, den kleinen Bruder der Iphigenie. Im Gemälde hält sich Orest am Gewand seines Vaters Agamemnon fest. Seine Haltung ist die eines Schutz Suchenden, der das Geschehen einerseits beobachtet, andererseits im entscheidenden Moment aber auch das väterliche Gewand nutzen kann, um sich darin zu verbergen und die Opferung nicht mit ansehen zu müssen. Entsprechend kompliziert ist die Haltung, an der Bendemann mit mehreren Einzelstudien intensiv gearbeitet hat. Eine besondere Aufmerksamkeit liegt dabei auf dem angewinkelten linken Arm und der vor das Gesicht gehaltenen, angespannten Hand.

Rotlockiger griechischer Königssohn

Auffallend sind die Unterschiede zwischen Modellzeichnung und gemalter Figur, welche als rotlockiger griechischer Königssohn mit feinen Kleidern und Sandalen ausstaffiert ist. Im Fortgang der mythologischen Handlung wird Orest seine Mutter Klytemnästra töten, weil sie den aus Troja heimkehrenden Agamemnon ermorden ließ. Auf Tauris wird er seine Schwester Iphigenie wiederfinden und gemeinsam mit ihr zurück nach Griechenland fliehen.

Programm der Ausstellung  
Die Ausstellung „Vor den Gemälden: Eduard Bendemann zeichnet“, die in den Räumen der Universitätskunstsammlung im Auditorium zu sehen ist, wird im Rahmen der Sonntagsspaziergänge bis zum 8. September verlängert. Kunsthistoriker Christian Scholl spricht am Sonntag, 3. März, um 11.30 Uhr über Bendemanns Vorzeichnung zum Gemälde „Das Opfer der Iphigenie“ in der Kunstsammlung der Universität Göttingen, Auditorium, Weender Landstraße 2, Hörsaal 11. Bereits am Sonnabend, 2. März, ist eine musikalische Abendöffnung angesetzt. Sie beginnt um 19.30 Uhr mit einem Vortrag von Scholl zum Thema „Malerei – Musik  Poesie: Eduard Bendemann und Felix Mendelssohn Bartholdy“ im Hörsaal 11. Im Anschluss singen Männerstimmen der Kantorei St. Jacobi unter Leitung von Stefan Kordes in der Kunstsammlung Werke von Mendelssohn.  

Von Christian Scholl

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