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Laboratorium für menschliche Gefühle

Händels Oper „Orlando“ in Kassel Laboratorium für menschliche Gefühle

Göttinger sind in Sachen Händel verwöhnt. Einmal im Jahr präsentiert die Elite der Barockspezialisten bei den Händel-Festspielen eine Oper des barocken Meisters und setzt dabei Maßstäbe in Sachen historischer Aufführungspraxis.

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Verstrickt: Dorinda (Ingrid FrØseth, oben) und Orlando (Inna Kilinina).

Quelle: Ketz

Wenn sich ein ganz „normales“ Ensemble wie das des Kasseler Staatstheaters eine Händel-Oper vornimmt, kann dies im Hinblick auf die Aufführungspraxis nur auf einen Kompromiss hinauskommen. Doch das muss den Genuss keinesfalls schmälern. Das bewies Volker Schmalöers Inszenierung von Händels „Orlando“ an der Kasseler Oper, die am Sonnabend ihre begeistert aufgenommene Premiere gefeiert hat.

Schmalöer ist mit seinem Regiekonzept weit entfernt von barocken Perücken. Er arbeitet die seelischen Strukturen der handelnden Personen sorgfältig heraus, macht ihre Beziehungen deutlich, ihre Emotionen, ihre Sehnsüchte und ihre Verzweiflung. Darin wiederum folgt er dem barocken Theaterprinzip, das solche Emotionen ins Zentrum des Spiels stellt. In „Orlando“ gibt es darüber hinaus die Figur des Zoroastro, den Zauberer, der alle Fäden in der Hand hält und das Geschehen gleichsam mit göttlicher Kraft steuert. Damit entsteht aus dem sonst eher freien Spiel der Emotionen eine Art Laborsituation mit Menschen als Versuchstieren: eine sehr reizvolle Konstellation.
Angesiedelt ist dies in einem vergleichsweise abstrakten Raum (Bühne: Etienne Pluss) mit zeitlosen Kostümen (Sabine Böing). Besonders eindrucksvoll ist die Darstellung eines Labyrinths, durch das die Personen irren: Dafür lässt Pluss meterlange schwarze Stoffwürste von Bühnenhimmel herabhängen, die auf einfache Weise eine unbestimmt bedrohliche Wirkung ausstrahlen.

Zum stimmigen Regieansatz passt das ebenfalls stimmige musikalische Konzept. Dirigent Marco Comin, Erster Kapellmeister und Stellvertreter des Generalmusikdirektors, hat seinen Orchestermusikern Transparenz und Flexibilität verordnet, lässt die Streicher mit wenig Vibrato spielen und erzeugt so ganz ohne historische Instrumente einen wohltuend leichten, lockeren Klang. Wie gut er sich in der Barockmusik auskennt, beweist er auch als Cembalist in den Rezitativen.

Damit bietet er den Solisten der Oper eine verlässliche musikalische Basis, auf der sie ihre vokalen Künste frei entfalten können. Dies tun die vier Damen mit großer Virtuosität in unterschiedlichen, fein aufein­ander abgestimmten Stimmfarben. Inna Kalinina in der Titelrolle – eigentlich eine Kastratenpartie – bietet wunderschöne Koloraturen und lebendiges Spiel. Dass sie in den tiefen Lagen etwas weniger Substanz mitbringt, ist nicht der Sängerin anzulasten. Ingrid FrØseth als Dorinda bezaubert durch die Leichtigkeit und Beweglichkeit ihres silberhellen Soprans. Dagegen setzt Nina Bernsteiner (Angelica) sehr leuchtende, weiche Soprantöne. Nach unten abgerundet wird das Solistinnenquartett durch den kraftvollen Mezzosopran von Maren Engelhardt (Medoro) sowie durch den kernigen, bisweilen aber etwas roh eingesetzten Bass von Igor Durlovski (Zoroastro).
Nächste Termine: 25. Dezember, 7., 9., 15., 24. Januar sowie 6., 12. und 19., Februar. Karten unter Telefon 05   61  /  109   42   22.

Michael Schäfer

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