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Lebenslust jenseits aller gängigen Moral

Frank Wedekinds „Lulu“ Lebenslust jenseits aller gängigen Moral

Beinahe 100 Jahre lag das Stück „Lulu“ von Frank Wedenkind brach. Anfangs ein Opfer der Zensur, später wohl wegen Fragen nach der Spielbarkeit des Stoffes. Denn es geht um Lust und Gewalt – und um viel Nacktheit auf der Bühne, sei es nun psychische oder körperliche. Erst Peter Zadek traute sich 1988 am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg an die ursprünglich verbotene Urfassung heran, geschrieben um 1900.

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Abgestürzt: Lulu (Agnes Mann) als Prostituierte mit dem Freier Mr. Hopkins (Matthias Fuchs).

Quelle: Klinger

Am Staatstheater Kassel hat Sebastian Schug diese Fassung jetzt mit einer überragenden Agnes Mann in der Titelrolle inszeniert. Lulu sei eine Frau, die die Liebe kompromisslos leben wolle, meinte Zadek. Schug zeigt in Kassel  eine andere Lulu. Hier ist sie trotz aller Lebenslust jenseits aller gängigen Moralvorstellungen  schließlich mehr Opfer als Täterin. Bewusste Entscheidungen trifft Lulu selten, sie widersetzt sich halt nicht.

Als siebenjähriges Blumenmädchen nimmt sich Dr. Franz Schöning ihrer an. Ganz uneigennützig wird das nicht gewesen sein. Seine Erziehung bezog sich fraglos auch auf ihr Sexualleben. Doch Schöning wird Lulu nicht wieder los. Er reicht sie an den reichen Goll weiter und bleibt dennoch ihr Liebhaber. Lulu betrügt Goll mit dem Maler Schwarz. Der Anblick der beiden löst bei Goll einen Herzinfarkt aus.

Er ist das erste Opfer auf Lulus Weg, er ist nicht das letzte. Der Maler schlitzt sich die Kehle auf, als Schöning ihm von Lulus lustvollem Lebenswandel erzählt, in den auch er noch verstrickt ist. Schöning fällt von Lulus Hand, wenn auch versehentlich. Lulu muss nach Paris fliehen, wo ihr rasanter Abstieg beginnt. In London gerät sie als Prostituierte an Jack the Ripper, was ihr ein blutiges Ende beschert.

Schug hat den Stoff in einem sehr offenen Rahmen inszeniert, so als setze sich die Probenarbeit fort. Das Ensemble ist zu Beginn komplett auf der auf einen kleinen Raum verengten Bühne (Christian Kiehl) versammelt. Man geht herum, plaudert und scherzt, bevor das Monstre-Drama, wie Wedekind es nannte, seinen Lauf nimmt. Im Zentrum steht immer Agnes Mann, die Lulu mit riesigem Facettenreichtum spielt.

Als 18-Jährige verströmt sie Naivität und spielerische Leichtigkeit. Drei Stunden später stirbt sie gebrochen in einem Strom von Blut. Dazwischen versucht sie sich als Ehefrau und nimmt sich alle Freiheiten. Sie tötet und flieht, kämpft um ihr schillerndes Leben, setzt unter Druck, schmiedet Ränke. Nicht alle Akteure können da mithalten. Am ehesten noch der wuchtige Bernd Hölscher als Schöning und Alexander Weise als sensibler Maler.

Die kompakte Geschichte, die sich allerdings nach der Pause  arg in die Länge zieht,   fordert nicht nur die Schauspieler, sondern auch das Publikum. Wedekind hat sehr dicht und schonungslos geschrieben. Viel Brutalität und nackte Haut sind zu sehen. Da ist es fast erholsam, wenn der Maler nach seinem drastischen Ableben völlig grotesk ein Lied von Peter Maffey anstimmt – „Und wenn ich geh, dann geht nur ein Teil von mir“ – und das Ensemble im Chor einfällt.

Das klingt nach einer Idee, die aus Jokus während einer Probe geboren wurde – ein Probenprozess, der sich bis in die Vorstellung hineinzieht. Das Premierenpublikum applaudierte am Ende nicht unbedingt enthusiastisch. Angestrengt vielleicht, auf keinen Fall amüsiert.

Weitere Vorstellungen: 1., 8., 12., 21. und 28. Dezember sowie am 16. und 18. Januar um 19.30 Uhr. Kartentelefon 05 61 / 10 94 222.
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