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Leuchtende Säugerhirne und Studenten in Zellen

Göttingens erster „Science Slam“ Leuchtende Säugerhirne und Studenten in Zellen

In Anlehnung an die seit längerem bekannten Poetry Slams, literarische Vortragswettbewerbe, bei denen die Teilnehmer selbstgeschriebene Texte in vorgegebener Zeit vortragen und das Publikum einen Sieger kürt, fand jetzt im voll besetzten Theater im OP Göttingens erster „Science Slam“ statt, die wissenschaftliche Variante dieses Wettstreits.

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Gewinner des „Science Slam“: Jonas Rohde bei seinem Exkurs in die Musikwissenschaft.

Quelle: Croll

Als erster Vortragssportler betritt Jochen Müller die Arena. Thema des Neurobiologen sind nichtinvasive bildgebende Verfahren in der Tumorforschung und nach kurzweiligen zehn Minuten haben die Zuhörer etwas über leuchtende Säugerhirne gelernt, und dass Müller viel lieber an Menschen als an Nagern forschen würde, was ihm aber als Nicht-Mediziner und Nur-Biologen leider nicht erlaubt ist – worüber man als Vielleicht-Patient aber doch froh ist.

Anschließend ist Archäologin Kristine Siebert mit dem Thema „Bunte Götter“ dran. Bevor sie von der Zeitüberschreitungs-Vuvuzela gestoppt wird, erfährt man, dass die Statuen der Antike nicht in weißem Marmorglanze erstrahlten, sondern häufig so aussahen, als hätte der Erschaffer Zugang zu bewusstseinserweiternden Drogen gehabt, um dann sein sensibilisiertes Farbempfinden auf seine Werke zu übertragen.

Annette Witt vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation spricht über die Frage „Sind Geohazards vorhersagbar?“. Sie schildert, dass der Göttinger Bahnhofsvorplatz in früheren Jahren bei Hochwasser durchaus als Badeparadies hätte dienen können, und dass Italien immer dann Weltmeister wurde, wenn es dort wenig Erdrutsche gab – die Signifikanz letzterer Aussage lässt unter Statistikern Zweifel aufkommen.

Bo Wimmer, Soziologe aus Marburg, eröffnet die zweite Hälfte des Wettbewerbes und führt durch die Liebe im 21. Jahrhundert. Er verzichtet auf bunte Folien und verlässt sich auf die Wirkung seiner Sprache – eine mutige Variante, da das Publikum zum Großteil aus Wissenschaftlern besteht, die sich zumeist durch eine große Affinität zu bunten Schaubildern auszeichnen.

Anne Christine Wolfes erklärt in ihrem Vortrag „Der frühe Vogel und der Wurm“, dass der Mensch zwei innere Uhren besitzt, und dass man, um dies herauszufinden, Studenten 30 Tage in fensterlose Zellen gesteckt hat. Grummelndes Entsetzen im Publikum.

Letzter Kandidat des Abends ist Jonas Rohde, Musikwissenschaftler mit einem Exkurs in die Musik und deren Aufbau und Wirkung, und wie man mit Hilfe der Pentatonik auch ohne Klavierkenntnisse die Herzensdame musikalisch beeindrucken kann: nur die schwarzen Tasten benutzen!

Schließlich haben alle sechs Kanditaten ihre zehn Minuten bravourös absolviert, und das Publikum muss den Sieger des Abends zu küren. Nach einer Kampfabstimmung zwischen Wolfes und Rohde wird der Musikwissenschaftler zum Gewinner erklärt und mit dem Preis – einem Jahresabo der Zeitschrift „GEO“ – belohnt. Alle anderen Wettkämpfer erhalten eine Urkunde, und das Publikum wartet gespannt auf den Termin für Göttingens zweiten „Science Slam“.

Von Jan Vetter

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Göttinger Science Slam

Im Rundfunk funktioniert es bekanntlich noch schneller. „Eins dreißig“, also 90 Sekunden, dauert dort die übliche Informationseinheit. Beim Poetry Slam hat der Vortragende etwas mehr Zeit. Der Science Slam ist die wissenschaftliche Variante dieses Wettstreits. Am Sonntag wurde im Theater im OP der dritte Göttinger Science Slam ausgetragen.

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