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18:23 10.09.2017
Götz Lautenbach in der Rolle des Universalgelehrten Georg Christoph Lichtenberg. Quelle: r
Göttingen

„Der mündliche Unterricht hat zwar überall seinen Wert, allein hier ganz besonders, da er unter freiem Himmel vorgetragen wird.“ Götz Lautenbach ist in die Figur des Göttinger Universalgelehrten Georg Christoph Lichtenberg geschlüpft. In Gehrock und Kniebundhose, mit Perücke und einem mächtigen Buckel lässt er den Universalgelehrten und Aufklärer lebendig werden. Zu den zündenden Sprachblitzen lässt Bernd van Werven seine Feuer-Illuminationen kreisen, wirbeln und tanzen.

Was das Auditorium, etwa 70 Zuschauer, in dieser nächtlichen Vorlesung mit tiefen Blick hinauf ins Weltall über Astronomie, Gewitterforschung und Kosmologie in den Originaltexten Lichtenbergs zu hören bekommen, zeugt vom messerscharfen Verstand des kleinen buckligen Gelehrten. 1763 zum Studium nach Göttingen gekommen, lebte und lehrte er hier bis zu seinem Tod im Jahr 1799. Philosophie, Physik, Mathematik und Astronomie waren seine Lebensinhalte.

Von Dienstpersonla und Purschen

Die Göttinger Schauspieler und Artisten wissen die barocke Fachwerkkulisse geschickt einzubeziehen in die Inszenierung, die in der Zeit um 1788/1789 spielt. Der idyllische Innenhof und das historische Gebäude der Alten Posthalterei werden zu einer einzigen großen Bühne. Erst recht, wenn Lichtenbergs Fast-Ehefrau Margarete (Alina Halverscheid) aus einem der Fenster schaut und sich keifend auslässt über Dienstpersonal oder „die Purschen“, die Herrn Studiosi, die Lichtenbergs Vorlesungen hören und damit Geld ins Haus des Gelehrten bringen.

Unterstützt wird der Herr Hofrat, der „einen flüchtigen Blick über das Große und Ganze“ wirft und sich gnomhaft wiegenden Schrittes in seinen tiefsinnigen wissenschaftlichen Betrachtungen ergeht, von Magister Seyde, seinem „Gehülfen in Collegio“, gespielt von Bernd van Werven. Während die Lektionen aus dem unerschöpflichen Wissens- und Interessenfundus des Gelehrten sich in geistigen Höhenflügen ergehen, setzt van Werven den visuellen Kontrapunkt mit seinen schön choreografierten Feuer-Illuminationen. Gedanken und Ausführungen werden zu Träumen, Bildern und Visionen, Feuerkreise zu Sternen, beleuchtete Kugeln zu Planeten.

Spielt mit Licht und Schatten von Bernd van Werven (links) und Götz Lautenbach. Quelle: R

Es rauscht, brizzelt und flackert. Der Geruch des Feuers, die Kälte der Nacht, der Klang der Worte, die Fachwerkkulisse und die Illuminationen lassen die Inszenierung zu einem 85-minütigen Open-Air-Theatererlebnis werden. Lichtenberg für alle Sinne. Worte, Bilder und Stimmungen verschmelzen zu einem nächtlichen Zauber. Die Atmosphäre nimmt den Zuschauer mit in Lichtenbergs Lebenswelt, seinen Wissens- und Gedankenkosmos. Und in der Vorstellungswelt scheint kurz der Mantel der Geschichte durch den Innenhof des Museums zu wehen.

Bezug zu vertrauten Göttinger Orten

Schön sind die Momente, wenn der Gelehrte einen Bezug schafft zu vertrauten Orten und sich Alltäglichkeiten stellen muss. Jacobikirchturm, Hainberg und Harz brechen naturwissenschaftliche Gedankenflüge herunter auf bekannte Gefilde. Und eine keifende Frau lässt Gefühle lebendig werden. Auch eine Blitzableiterlegung sorgt für reichlich Unterhaltung. Seyde auf der Leiter mit Kabeldraht in der Hand beim Feilschen um mehr Gehalt, und Lichtenberg sich windend, das zu umgehen und gleichzeitig nach physikalischen Lösungen suchend. Eine Szene, die Geschichte greifbar werden lässt.

Bühne im Innenhof des Städtischen Museums in Göttingen für das Lichtenberg-Theaterstück „Wie wenn einmal die Sonne nicht wieder käme“. Quelle: R

Chapeau, welchen tiefsinnigen Textkoloss Lautenbach mit Bravour stemmt. Souverän gibt er Lichtenberg Gestalt und Konturen. Einen Texthänger löst er mit viel Charme. Er müsse gerade einmal „das Script konsultieren“, sagt es und geht schaukelnd ab. Nur eine Spur weniger Klamauk wäre wünschenswert gewesen, zumal der Gestalt Lichtenbergs ohnehin schon reichlich Tragik und Komik innewohnt und sein Gedanken- und Sprachwitz schon an sich für heitere Momente sorgen. Van Werven bringt neben visuellen Höhepunkten einen angenehm bodenständigen Pragmatismus ins Spiel. Und Halverscheid bringt pointiert Lichtenbergs menschliche Seite zum Klingen. Facettenreich, inspirierend, ein Abend für alle Sinne.

Weitere Termine sind am 13., 15., 16., 20., 22., 23. und 25. September. Eintrittskarten sind zu Preisen ab 12 Euro im Vorverkauf im Städtischen Museum, Ritterplan, und in der Tourist-Information im Alten Rathaus erhältlich.

Von Karola Hoffmann

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