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Regional Maxim Biller über sein streitbares Leben
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13:23 02.02.2018
Maxim Biller in der Aula der Universität Göttingen. Quelle: Swen Pförtner
Göttingen

Zwei Vorlesungen an zwei Abenden – das fordert die Lichtenberg-Poetikvorlesung von denen, die dazu eingeladen werden. Maxim Biller wurde diese Ehre in diesem Jahr zuteil. In der Aula der Universität las er am ersten aus einem bislang unveröffentlichten Romanmanuskript, am zweiten sprach er mit seinem Verleger Helge Malchow. Eine aufschlussreiche Veranstaltung.

Aus einem Anruf des Magazins der Süddeutschen Zeitung, Biller hat diese Zeitung irgendwann auch schon mal „Münchner Beobachter genannt“, habe sich der Roman entwickelt, der im Herbst erscheinen wird. Zwei Kapitel habe er schreiben sollen, eines aus Sicht seines Großvaters, das zweite aus Sicht der Großmutter. Er habe abgelehnt, sagte Biller – „Ich will nicht über meine Familie schreiben, auch wenn es mir immer wieder herausrutscht“ – und dann doch geschrieben. Später dann die Anfrage, weitere Kapitel aus verschiedenen Perspektiven auf die gleichen Ereignisse zu werfen. Auch da habe er abgelehnt. „Das heißt bei ihm aber nichts“, fügte Verleger Malchow aus Erfahrung an. Das Buch entstand, im Herbst will Malchow es im Verlag Kiepenheuer & Witsch veröffentlichen, wahrscheinlich schon im September. Er sei „total begeistert“, sagte Malchow, und das klang tatsächlich überzeugt.

Seit 30 Jahren kennen sich Biller und Malchow. Auf Empfehlung eines Literaturkritikers habe er Biller gebeten, einen Text für eine Anthologie einzureichen, erzählte der sehr aufgeräumte und vergnügte Malchow, der Beginn einer produktiven Arbeitsbeziehung und Freundschaft. „Fünf Erzählungen, ein Memoire und mehrere Romane von Biller seien bei Kiepenheuer & Witsch erschienen, zählt Malchow auf, „eine beeindruckende Serie von Veröffentlichungen“. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Biller auch nichtliterarische Texte veröffentlicht. Meist löst er damit „erhebliche Reaktionen in der Öffentlichkeit aus“, sagt Malchow. Denn Biller ist streitbar, auch Schriftstellerkollegen gegenüber. Die wenigstens schätzt er.

Biller ist 1960 in Prag als Kind einer russisch-jüdischen Familie geboren, die nach Deutschland emigrierte, als Biller zehn Jahre alt war. Er pflegt die Tradition und prangert unermüdlich reaktionäre und antisemitische Tendenzen in Deutschland an. Journalistisches Schreiben sei bei ihm nur Denken, nicht Fühlen, sagte Biller und schränkt dann ein – „bis auf etwas, das sich in den vergangenen Jahren entwickelt hat“. Früher habe er die Inhalte nach dem Schreiben sofort vergessen können, erklärt er mit Blick auf seine politische Kolumnen. „Heute geht das nicht einfach weg, es frisst sich in die Gegenwart. Ich schaffe es nicht mehr, dass sich die Wunden schließen.“

Biller wirkt an diesem Abend sehr überlegt und scharfsinnig. Er kokettiert ein wenig mit seinem Ruf – „ein gutes Beispiel dafür, was für ein bösartiger Mensch ich bin“ – und seiner Intellektualität – „Ich habe immer recht, ich habe bislang immer recht gehabt.“ Er lese viel bevor er schreibe, „ich werde beim Schreiben schlauer.“ Sein Roman „Esra“ wurde verboten, Persönlichkeitsrechte seien darin verletzt, urteilten die Richter wenn auch mit nur einer Stimme Mehrheit in der letzten Instanz. „Würde das in Frankreich passieren?“, fragte Biller. Er berief sich auf die künstlerische Freiheit und meinte: „Jedes Buch überlebt sein Verbot, wenn es gut genug ist.

Theaterstücke hat Biller übrigens auch geschrieben, früher. Das habe er aufgegeben, „die werden nie gespielt“. Im Publikum saß Thomas Bockelmann, Intendant des Staatstheaters Kassel. Ein potenzieller Auftraggeber für Biller? Bockelmann schmunzelt ein bisschen. Malchow sei seiner ältester und bester Freund und der Weg aus Kassel nicht so weit. Und Biller habe mal in der „Zeit“ einen Artikel über ihn veröffentlicht, sagt Bockelmann: „Der entflammte Intendant – Thomas Bockelmann erklärt mir das deutsche Theater“. Danach habe er ihn einen Internaisten genannt, jemand, der Interna ausplaudere. Er liebe ihn aber trotzdem.

Von Peter Krüger-Lenz

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