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Liebhaber des messerscharfen Worts

Wiglaf Droste Liebhaber des messerscharfen Worts

Der Anlass für die Einladung ins Junge Theater in Göttingen war wohl das neue Buch „Auf sie mit Idyll“. Wiglaf Droste hatte sich für die Lesung am Sonntag, 23. Oktober, aber gleich einen ganzen Bücherstapel unter den Arm geklemmt. Mal aus diesen, mal aus jenen Buchdeckeln hagelte es Spott und Hohn.

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Mit Spott, Hohn und wachem Blick: Wiglaf Droste im Jungen Theater Göttingen.

Quelle: Heller

Göttingen. Droste ist nichts heilig, der Papst schon gar nicht, dem er ein bissiges Gedicht widmet. Wie würde Gott auf Benedikts Eitelkeit reagieren? „Anders als so mancher Ministrant / hebt er strafend nur die Hand“, vermutet Droste.

Der frühere taz- und Titanic-Redakteur liebt das messerscharfe Wort. Nicht nur die katholische Kirche hat er im Visier. Auch Grass’ Zeit in der SS hat Droste nicht vergessen. Vom Günter-Grass-Haus ist er gänzlich unbeeindruckt. „Wäre ich Antifa-Aktivistin in Lübeck, ich wüsste, wo das Haus steht, in das ich Steine würfe“, sagt er. „Marzipan-Steine natürlich.“ Die Elbphilharmonie ist für Droste ein „nutzloses Krawallbauwerk“. Nur weil sie in Planung sei, müsse sie die Eröffnung nicht erleben. Er wundert sich über die deutsche Überzeugung, „dass alles bis zum bitteren Endsieg auszuführen ist“.

Es geht aber auch harmloser: „Schiffssvkäähr!“, ruft Droste von der Bühne. Und unten im fast ausverkauften Saal biegt sich das Publikum vor Lachen. „Physischer Schmerz“ sei nötig, um dieses Wort auszusprechen. „Herbert Grönemeyer ist eine Ganzkörperverspannung."

Sprachliche Verirrungen vorzuführen ist eine der Spezialitäten des Annette-von-Droste-Hülshoff-Preisträgers. „Man darf sich über Irrsinn nicht beschweren, solange man Leuten erlaubt, ‚Kommunikationsdesign‘ zu studieren“, stellt Droste fest. Und: „Wer sagt, ‚wir hatten das so angedacht‘, teilt auf diese Weise mit, dass er sich gar nichts gedacht hat.“ Drostes wachem Blick entgeht keine Selbstinszenierung oder peinliche Verfehlung. Zuverlässig folgt aus seinem Mund die strafende Häme, geschrieben mit schönster sprachlicher Brillanz. Dafür liebt ihn seine Leserschaft.

Eine fast vertrauliche Atmosphäre entsteht im Laufe des zweistündigen Programms. „Wiglaf“ nennt ihn sein Publikum. Ganz am Ende, als letzte Zugabe und schon im Mantel, singt Droste eine Nummer von Tom Petty: „I won’t back down“. Immer wieder diese Zeile. Und für einen kurzen Moment wirkt er da ganz ungeschützt.

Wiglaf Droste: Auf sie mit Idyll. Die schöne Welt der Musenwunder, mit zwei Bildern von Jamiri und einer Gastgeschichte von Rayk Wieland, 207 Seiten, Edition Tiamat, Berlin 2011, 14 Euro. E-Book, 925 kB, Download 10,99 Euro (http://fuego.de/books/tiamat.html)

Von Telse Wenzel

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