Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 10 ° Regenschauer

Navigation:
Von Narren in Kriegszeiten

Göttinger Literaturherbst Von Narren in Kriegszeiten

Vor bald 400 Jahren begann der Dreißigjährige Krieg. Da war Till Eulenspiegel schon fast 300 Jahre tot. Zur Zeit des Krieges ist der Narr „Tyll“ unterwegs, von dem der neue Roman von Daniel Kehlmann handelt. Daraus las der Autor vor mehr als 750 Zuhörern am Freitag in der Lokhalle beim Göttinger Literaturherbst vor.

Voriger Artikel
Ganz nah am Original
Nächster Artikel
Erinnerung an Barbara und Göttingen

Literaturherbst 2017: Daniel Kehlmann in der Lokhalle Göttingen.

Quelle: JanVetter.com

Göttingen. Am 23. Mai 1618 war der Fenstersturz von Prag der Auslöser für den Dreißigjährigen Krieg. Bis zum Westfälischen Frieden, der nach fünf Monaten am 24. Oktober 1648 ausgehandelt war, sollte die europäische Katastrophe, die ein Kampf um Macht und die richtige Religion war, dauern. Zu dieser Zeit lässt Schriftsteller Kehlmann (42) den Narren Tyll durch das Abendland des Gemetzels reisen: Ein Akrobat des Wortes und des Seiltanzes ist unterwegs.

Ein Akrobat des Wortes ist Kehlmann auch. Das hat er mit seinem neuen Roman erneut unter Beweis gestellt. Zwei Kapitel, das erste und dritte der acht des 480 Seiten starken Romans, zieht er durch – liest nur vor. Einmal in den gut anderthalb Stunden zeigt er Anzeichen, dass die Luft im Seitentrakt der Lokhalle die Stimme strapaziert. Aber bis zum Ende des ersten Kapitels unterbricht er deshalb nicht, gönnt sich erst dann einen Schluck Wasser.

Um die 750 Zuhörer hat er. Die hören ihm gebannt zu, lassen sich ab und an zu zurückhaltenden Lachern hinreißen. Sie bekommen nur vorgelesen – aber von Kehlmann eben, der nichts sagt zur Entstehung dieses Romans. Aber nicht deshalb fällt der Applaus am Ende kurz aus und auch der Autor scheint überrascht, eilig hinausbefördert zu werden: Der ihm angewiesene rasche Abgang sorgt für ein schnelles Ende der Lesung.

Bestseller der Neuzeit

Im Jahr 2003 machte Kehlmann mit „Ich und Kaminski“ erstmals von sich Reden. 2005 erst Recht, als er mit „Die Vermessung der Welt“ über Carl Friedrich Gauß und Göttingen schrieb. Seitdem gilt der mehrfach ausgezeichnete Schriftsteller als einer der wichtigsten deutschen Gegenwartsautoren.

Die Erzählungen über die Narreteien und das Leben des Till Ulenspiegels, der von 1300 bis 1350 gelebt haben soll, erschienen 1515. Sie waren ein erster Bestseller des damals noch jungen Druckhandwerks.

Erinnerungsereignis und legendäre Figur

500 Jahre später lässt Kehlmann einen Tyll Ulenspiegel im 17. Jahrhundert agieren. Und so verquickt der Wiener Schriftsteller in seinem wie er im Tageblatt-Interview sagte „aufwendigsten Roman“ ein im nächsten Jahr anstehendes Erinnerungsereignis mit einer legendären Figur, die fast schon in Vergessenheit geraten ist. Der Erscheinungstermin wenige Monate vor dem 400. Jahrestag des Kriegsausbruchs ist ein Coup, aber auch die Idee, nach Art von Eulenspiegel den Spiegel vorzuhalten. Denn die bestialischen Kriege um Religion und Macht sind keine Ereignisse der Vergangenheit: Banden- und Bürgerkriege, Wettrüsten und Hungersnöte bringen Menschen um und verwüsten Landstriche noch immer.

Literaturherbst-Gäste und Schriftsteller Daniel Kehlmann am Freitag in der Lokhalle

Literaturherbst-Gäste und Schriftsteller Daniel Kehlmann am Freitag in der Lokhalle.

Quelle: jes

In einem Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland sagte Kehlmann: „Die Gegenwart ist nur so kurz, die Vergangenheit so lang und so reich, und wenn man aus ihr zurückkommt, ist vieles in der Gegenwart von neuem seltsam und interessant.“ Kehlmann, der auf Lesereise seinen neuen Roman in Deutschland vorstellt und an der New York University unterrichtet, macht so Vergangenheit und Gegenwart interessant.

Einprägsame Bilder

Sein feiner Stil, seine Wortakrobatik stellen im Tyll gar lustige Begebenheiten zu armen Zeiten der brutalen Kampf- und Mordlust der Herrschenden, ihrer Soldaten und Söldner gegenüber. Kehlmanns Bilder und seine Figuren prägen sich ein. Und auch, wer davon nicht so viel und so genau wissen will, kommt von seinen mächtigen, aber eingängigen Wortgebilden nicht los.

Das erste und das dritte Tyll-Kapitel las Kehlmann am Freitag vor. So machte er auf den Rest sehr neugierig. Wer mit dem Buch und vielleicht einem kurzen Wortwechsel mit Kehlmann, der zwar rasch die Bühne verlassen hatte, aber anschließend bereitwillig signierte, die Lokhalle verließ, wollte vielleicht auch nur noch eins: das zweite Kapitel lesen und dann bald die weiteren fünf.

Daniel Kehlmann: „Tyll“. Rowohlt, 480 Seiten, 22,95 Euro.

Von Angela Brünjes

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Regional
NDR2-Soundcheck: Statements von der Open City Stage am Sonntag