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Poetischer Sprachstrom

Jana Hensel beim Literaturherbst Poetischer Sprachstrom

Die Journalistin und Schriftstellerin Jana Hensel hat ihren ersten Roman im Göttinger Wallstein-Verlag herausgebracht: „Keinland“. Am Montag las sie beim Göttinger Literaturherbst aus ihrem Buch im Alten Rathaus.

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Fesselt mit ihren Aussagen: die Autorin Jana Hensel bei ihrer Lesung im Alten Rathaus.

Quelle: Niklas Richter

Göttingen. Hensel senkt ihre Stimme am Ende eines Satzes nur wenig ab. Sie bleibt gern auf halber Höhe, scheut sich, den Sprachstrom zu unterbrechen. Man hört ihr gebannt zu, sie fesselt mit dem, was sie aussagt. Dabei verstört sie den Hörer (und Leser) unmerklich. Denn immer wieder verschränkt sie die Aussagen mit deren Negation. Das ist schon im Titel „Keinland“ der Fall, aber auch in Sätzen wie „Ich liebte es, Dinge zum ersten Mal zu tun. Ich hasste es.“ Laut Untertitel ist das Buch ein Liebesroman, doch er beginnt damit, dass der Mann die Frau verlassen hat.

Hintergrund der Geschichte von Nadja und Martin ist die deutsche Historie des 20. Jahrhunderts. Nadja ist Journalistin mit DDR-Kindheit, Martin wurde als Sohn jüdischer Eltern in Frankfurt geboren. Er lebt als Nachgeborener mit der Erfahrung des Holocaust, verlässt deshalb Deutschland – „Martin hat es geliebt, aber auch gehasst“ – und übersiedelt nach Israel. „Mich verstehen nur jene, deren Leute auch als Aschehaufen in den Wolken aufgegangen sind.“, sagt Martin einmal. Auch Nadja hat ein Land verloren, „mein kleines Land im Osten, das falsche Land“. Doch beide sind „unbehauste Figuren, die einander nicht Heimat werden können“, wie Jana Hensel ihre Protagonisten beschreibt. Wie die Gedanken der Figuren kreisen, kreist auch Hensels Erzählweise: voraus- und zurückschweifend, assoziierend. Es kann keine gelösten Fragen geben, weil auch die einmal gefundene Antwort immer wieder negiert wird.

Hensel erzählt in scheinbar einfacher Sprache, die aber gedankenreich, poetisch und sehr kunstvoll komponiert ist. Sie arbeitet mit Leitmotiven, mit wiederkehrenden Wendungen, die den Erzählfluss rhythmisieren, schreibt atmosphärisch dicht. So dicht, dass man stutzt, als die Autorin bei der Lesung unvermittelt fragt: „Was ist hier los? Sind das noch Wahlgesänge von gestern?“ Nein, das war keine Passage aus dem Buch, sondern Hensels Reaktion auf die Sprechchöre angehender Wirtschaftswissenschaftler draußen am Gänseliesel, die gerade das Ergebnis ihrer Orientierungsphase im Umgang mit Brauereierzeugnissen lautstark präsentieren. „Bei euch ist ja ganz schön was los!“, sagt Hensel – und ist im nächsten Moment wieder bruchlos bei Nadja und Martin.

Eingangs stellte Verleger Thedel von Wallmoden seine Autorin vor. Sie wurde 1976 in Leipzig geboren, war 13 Jahre alt, als die Mauer fiel, studierte in Leipzig, Marseille, Berlin und Paris und war Herausgeberin der Leipziger Literaturzeitschrift „Edit“ und der Internetanthologie „Null“. 2002 erregte sie Aufsehen mit ihrem Buch „Zonenkinder“. Derzeit arbeitet sie für die Online-Ausgabe der „Zeit“. Dabei habe sie die bislang größte Reichweite mit einem Text erzielt, berichtet Hensel. Nachdem am 6. September 2017 Angela Merkel in Finsterwalde auf einer Wahlkampfveranstaltung mit einem Trillerpfeifenkonzert und mit „Hau ab!“-Rufen begrüßt wurde, schrieb Hensel in der Online-„Zeit“ einen offenen Brief an die Bundeskanzlerin, betitelt „Warum haben Sie denen nicht die Meinung gesagt?“ Diesen Artikel hätten in einer Nacht mehr als eine halbe Million Menschen gelesen.

Jana Hensel: Keinland. Ein Liebesroman. 196 Seiten, Göttingen 2017, Wallstein Verlag, 20 Euro. – Der offene Brief im Internet: www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-09/angela-merkel-finsterwalde-wahlkampf-demonstranten-brief.

Von Michael Schäfer

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