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Regional Literaturherbst: Leon de Winter liest im Alten Rathaus Göttingen
Nachrichten Kultur Regional Literaturherbst: Leon de Winter liest im Alten Rathaus Göttingen
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00:17 18.10.2013
Von Peter Krüger-Lenz
Von der Abrechnung zur Aussöhnung: der niederländische Schriftsteller Leon de Winter zu Gast beim Literaturherbst. Quelle: Theodoro da Silva
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Göttingen

Gleich nach Erscheinen hatte es für viel Wirbel gesorgt. Denn de Winter versuchte damit eine Abrechnung und schrieb eine ganze Reihe real existierender Menschen hinein. Allen voran den niederländischen Filmemacher Theo van Gogh, der ihn zwischen 1984 und 2001 zu seinem „Favorit-Feind“, so de Winter, auserkoren hatte. Immer wieder hatte der ihn aufs Übelste beleidigt.

2004 war van Gogh, Urenkel von Theo van Gogh, dem Bruder des Malers Vincent, von dem islamischen Fundamentalisten Mohammed Bouyeri ermordet worden, regelrecht geköpft, erläutert de Winter. Mit dem, was dann folgt, steigt de Winter in seine Geschichte ein.

Van Gogh ist in einer Vorstufe zum Himmel, am Empfang quasi. Sein Kopf ist dort, sein Körper nicht. Der Ort ist ein wenig ungastlich, hat aber auch seine guten Seiten. Van Gogh kann sündhaft teuren Whiskey trinken, die Flasche wird nie leer, und Kette rauchen. So habe auch der echte Theo gelebt, erklärt de Winter.

Eigentlich habe er ja mit seinem Buch der Frage nachgehen wollen, ob ein Anschlag wie der am 9. September 2001 auf das World Trade Center in New York auch in den Niederlanden möglich sei.

„Und am Ende gibt es ein Wunder"

Daraus ist dann eine unglaublich vielschichtige ineinander verstrickte Geschichte über einen terroristischen Anschlag in Amsterdam, eine darin verstrickte marokkanische Fußballmannschaft, eine große Liebe und die verschlungenen Wege des Herrn geworden.

Das gute Herz wird dem Gangster Kohn eingepflanzt, der dadurch ein besserer Mensch wird. „Ja, das kann passieren“, sagt de Winter schmunzelnd. „Und am Ende gibt es ein Wunder, das auch noch.“

Ein Jahr lang habe er an der Dramaturgie der Figuren gearbeitet, erklärt de Winter. Theo sollte auftauchen, doch wenn sein Intimfeind auftauche, müsse auch Leon auftauchen, dann natürlich auch seine Ehefrau. Sie verlässt ihn für einen anderen, allerdings nur im Buch. Was denn nun wahr sei und was Fiktion, fragt die Göttinger Germanistin Sabrina Wagner, die den Abend moderierte. De Winters Antwort ist clever: „Wenn man es liest, ist es wahr.“

Die vorbereitende Arbeit an der Struktur des Werkes hat sich ausgezahlt. So kunstvoll ineinander verwoben sind die diversen Erzählstränge, dass sie mühelos verfolgt werden können und sich am Ende ein wenig märchenhaft, aber sehr schön verschränken.

Höchste Form des Narzissmus

Die Abrechnung mit Theo van Gogh sei hingegen „völlig misslungen“, sagt de Winter. „Er wurde mir sympathisch, es ist eine Versöhnung geworden.“ Sich selbst hat der Autor übrigens in einem wenig schmeichelhaften Licht dargestellt.

Er sei in der Geschichte ein Schriftsteller, „ein schrecklicher Opportunist, gar nicht angenehm“, meint de Winter vergnügt und erzählt von dem Kommentar seiner Ehefrau. Die habe gesagt, wenn jemand so über sich selbst schreiben könne, sei das die höchste Form des Narzissmus, der Eigenliebe.

„Spaß, Vergnügen, ja sogar Glück“ habe er beim Schreiben empfunden, erklärt der Autor und hofft, dass er das beim Lesen habe übertragen können. Als gelernter Regisseur und passabler Schauspieler konnte er das ganz ausgezeichnet.

Leon de Winter: Das gute Herz, Diogenes, 504 Seiten, 22,90 Euro.

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