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00:17 27.10.2016
Quelle: Gunnar Müller
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Am Anfang stand ein Apfelbaum: Erich Honecker, Staatsratsvorsitzender der DDR, bereiste 1987 auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges bei einem Staatsbesuch im Westen seine saarländische Heimat. Mit viel Tamtam, Spielmannszug, Bürgermeisteransprache und ehemaligem Lehrer, empfingen die Wiebelskirchener „ihren“ Erich, 1912 dort geboren. Einen Apfel pflückte er sich im elterlichen Garten und „behielt ihn solange bei sich, bis selbst Schiller ihn nicht mehr gemocht hätte“, so Sabrow. Da schimmerte hinter dem Staatschef „mit der Fistelstimme“, der zeitlebens „Misstrauen zum eigenen Volk“ hatte, der private Honecker hindurch.

„Das Leben davor (1912 - 1945)“ lautet der Untertitel von Sabrows Buch. Der Historiker beschäftigt sich „mit der Zeit eines vollkommen uninteressanten Menschen“ und der Frage: „Wie konnte er in diese Position gelangen?“ Sabrows Antwort im Grenzlandmuseum: Durch viele Zufälligkeiten. „Etwa 25 Jahre alt, 1,70 Meter groß, mittelblondes, gewelltes, schönes Haar, ansprechende Gesichtszüge. Guter Sportler (besonders guter Schwimmer). Keine Brille, kein Bart.“ So zitiert der Autor eine Beschreibung des jungen Erichs durch einen Weggefährten. Ein gut aussehender junger Mann, der wenig von der versteinerten Miene seiner Portraits in den DDR-Amtsstuben zu haben schien. Ein lebenslustiger Womanizer.

Info

Martin Sabrow: Erich Honecker. Das Leben davor (1912 - 1945). München: C.H. Beck, 2016, 27,95 EUR

Mal wird Honecker Bodyguard des Kommunistenführers Ernst Thälmann, dann wiederum schmuggelt er kommunistisches Material von Prag ins Hitlerdeutschland. Er wird „nur“ zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Mithin eine entscheidende Phase, argumentiert Sabrow, denn von der gesellschaftlichen Entwicklung ist er so jahrelang entkoppelt. Dann versucht er zu fliehen, entkommt der Gestapo; stellt sich aber doch einer Gefängniswärterin; der Richter urteilt gnädig. Die Gefängniswärterin wird schließlich Honeckers erste Ehefrau.

„Was mich ärgert, ist, dass mein Buch als Enthüllungsroman gehandelt wird“, erklärt der Historiker. Tatsächlich belegt Sabrow alles akribisch, führt „unzählige Interviews“, darunter mit Honeckers Nachfolger Egon Krenz. Er vergleicht seine Funde mit der offiziellen und geschönten DDR-Honecker-Biografie, die 1980 den Staatsratsvorsitzenden sakralisiert, seine Biografie-Brüche und seine Selbstverklärung („Meine Herren, ich kann die BRD nicht an einem Tag retten“) verschweigt. Indirekt erfährt der Leser aber auch vieles über den kommunistischen (und späteren sozialdemokratischen) Weggefährten Herbert Wehner, der politische Karriere in der Bundesrepublik, „beim Überraschungssieger liberaler Rechtsstaat“ machte.

Als „Vorschaltkapitel“ gedacht, entstand so nach und nach die Jugendbiographie. Auf 623 Seiten erfährt der Leser über die Nebenwege Honeckers Biographie, die das Leben des saarländischen Jungkommunisten bis zum Beginn der DDR in allen Facetten ausleuchtet. rf

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