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Wir haben doch keine Zeit!

Luise Kinseher beim Göttinger Kultursommer Wir haben doch keine Zeit!

Es ist ja nicht leicht, in Zeiten ständiger Erreichbarkeit, voller Terminkalender und  gefühlt immer schneller vergehender Tage die Ruhe zu bewahren. Luise Kinseher kann das. Behauptet sie jedenfalls in ihrem neuen Programm,
 das sie am Sonntag im ausverkauften Alten Rathaus in Göttingen gespielt hat.

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Quelle: r

Göttingen. Alles andere als ruhig verhielt sich dabei das Publikum. Frauen quiekten, Männer grölten. Ein erfolgreicher Kabarett-Abend. Einer, der allerdings strauchelnd beginnt. Noch bevor sie das erste Wort gelallt hat, legt sich die Frau im wenig vorteilhaft geschnittenen geblümten Morgenmantel beinahe auf die Nase. Doch der duselige Zustand, der ein eindeutiges Indiz für das leidenschaftlichste Hobby der taumeligen Bayerin ist, der Besuch des Stübls, hält sie nicht im geringsten davon ab, tiefsinnige Gedanken zu äußern: „Der Stress macht, dass man am Abend darüber nachdenkt, was man nicht geschafft hat, aber hätte schaffen können, wenn man nicht zu geschafft gewesen wäre.“

Famous Mary from Bavary, so der Name der Figur Kinsehers, die ganz offensichtlich dem Alkohol mehr zugeneigt ist als ihr guttut, kennt noch weit mehr solcher Weisheiten. „Wenn der Augenblick im Hirn ankommt, ist er schon vorbei.“ Beim einen liegen beide Ereignisse näher beieinander. Beim anderen muss die Information schwimmen - das macht die Sache deutlich schwieriger. Stress jedenfalls, so Kinseher, macht, dass das Stirnhirn sich abschalte und nur noch das Reptilienhirn anspringe. „Man funktioniert nur noch.“ Das habe zur Folge, dass Menschen alles täten - und sei es noch so stressig - sich aus der Stressfalle zu befreien. Hopfensmoothies statt Weißbier - und das in 0,2-Liter-Portiönchen! - Meditationen, die so viel Hirnschmalz erforderten, dass der Folgetag ein vermuskelkaterter sein muss, und andere irrsinnige Entspannungsmaßnahmen.

Dem Wellness-Stress gibt sich Helga, die zweite Figur Kinsehers, nicht hin. Sie hat Heinz. Das ist genug. Heinz ist 92 und tüdelig. Als sie versucht, eine Betreuung für ihn zu ergattern, damit er statt der Zahnbürste nicht die Klobürste
 verwendet, scheitert Helga ganz fürchterlich. Und sie steht weiter da mit dem Problem, ihren Mann nicht einen Moment aus dem Auge lassen zu dürfen. Derartige Probleme dürften dem Publikum bekannt sein, vermutet Kinseher. „Ist hier jemand kein Rentner?“, fragt sie lachend in den Raum - und erntet Gelächter zurück. Die beiden Berufstätigen, die sie im Publikum ausmachen kann, eine Erzieherin und ein Disponent, finden deshalb immer wieder Erwähnung, manchmal, wenn sie einfach nur gucken. Das Publikum juchzt jedesmal, wenn die beiden wieder ins Programm eingeflochten werden - oder auch der Mann in der ersten Reihe, dessen Auge so seltsam zucken soll, wie Kinseher meint. „Das macht meine Erotik“, vermutet sie.

Schwarzes Kleid mit tiefem Ausschnitt, Stöckelschuhe, lasziver Beinüberschlag. Fitnessuhr und Handy. Das ist Kinseher mit 48 Jahren in ihrer Rolle als Kinseher. Seltsame Freundinnen und eine Vergangenheit in dörflicher Umgebung hat sie zu bieten, eine Vergangenheit, in der es immer halb drei ist. Wünsche hat sie - ganz kleine: Eine hübsche 1,6-Millionen-Euro-Wohnung in München und ein netter Mann wären schön. Hat sie nicht. Nicht mal den aus dem Fahrstuhl, dem sie extra Ihre Telefonnummer gegeben hat. Der bestimmt ein Galerist ist und gerade in New York. Und der sie bald anrufen wird. Der nicht der Sklave seines Terminkalenders sein wird und auch nicht wie der politisch korrekte Eberhard, der die Kosten für ein Abendessen umrechnet in die Lebenskosten einer syrischen Familie. Der soll es sein. Und nur seinetwegen starrt sie unentwegt auf das Handy, das eine der Fortschrittserscheinungen ist, die so schnell liefen, dass die Menschheit ihren eigenen Erfindungen nicht hinterher käme. Und doch, sagt, schreit, keift und jammert sie, bewahrt sie die Ruhe - und beschert dem Publikum einen Abend, an dem die Zeit ein wenig stehenzubleiben scheint.

Mehr Kabarett im Kultursommer

Göttingen. Auf dem Kultursommerprogramm steht als nächstes eine weitere Kabarett-Veranstaltung: "Entscheidet Euch!", lautet der Titel des Programms mit Florian Schroeder am Sonnabend, 22. Juli, im Alten Rathaus. Beginn ist um 20.30 Uhr.

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