Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Regional „Beim Tanzen wird die Seele sichtbar“
Nachrichten Kultur Regional „Beim Tanzen wird die Seele sichtbar“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 23.01.2017
Tadashi Endo Quelle: Rusinek
Anzeige

Herr Endo, was erwartet uns in ihrem Programm „Maboroshi“?

Maboroshi ist ein Wort, ein japanisches Schriftzeichen, das sich schwer übersetzen lässt. Es kann Geist, Gespenst, Seele oder auch Stimmung bedeuten. Es ist eine Art Fata Morgana, manchmal sichtbar, aber nie greifbar.

 

Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?

Ich habe mich schon lange mit dem Thema Seele beschäftigt, denn die Seele ist ein schwieriges Thema. Alle reden darüber und sie existiert, aber wir können sie nicht sichtbar machen. Die Welt ist durch Physik bestimmt und meist verdeckt der Körper die Seele.

 

Warum kann man die Seele mit dem Mittel des Tanzes sichtbar machen?

Es liegt an der Abstraktion. Im Tanztheater stehen keine Requisiten auf der Bühne und der Tänzer muss keine Rolle spielen. Er kann sich ganz von seinem Innersten, von seinen Gefühlen leiten lassen. Das nimmt das Publikum auch so wahr. Es ist ein häufiges Phänomen, dass die Zuschauer im Tanztheater gerührt sind, es aber nicht in Worte fassen können. Es ist fast so, als ob die Seele vom Tänzer zum Publikum übergeht.

 

Welche Rolle spielt das Unsichtbare in ihrem Schaffen?

Ich bin sehr stark von meinem Lehrer Kazuo Ono beeinflusst, dem ersten Meister des Butoh. Er sagte immer wieder, dass nicht die Technik das Entscheidende sei. Ein Tänzer muss zeigen, was hinter der Realität steckt. Dies hat er immer wieder gefordert und selbst noch im hohen Alter beeindruckend umgesetzt.

Sie sagen, jeder könne Butoh tanzen. Wie begründen Sie diese Aussage?

Butoh wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in Japan entwickelt. Kazuo Ono und Tatsumi Hijikata sind damals davon ausgegangen, dass Japaner nicht für klassisches Ballett geeignet sind. Wir haben andere Proportionen, unser Oberkörper ist im Verhältnis zum europäischen Körper größer. Das war damals sicherlich richtig, aber mittlerweile haben wir den Butoh weiterentwickelt und er ist in der ganzen Welt zu Hause.

Gerade auf meinen Reisen nach Südamerika, nach Brasilien, Argentinien und Bolivien treffe ich immer wieder auf junge Menschen, die sich dem Butoh zuwenden, obwohl sie vorher klassischen Tanz gemacht haben. Für die meisten ist es eine Weiterentwicklung ihrer Persönlichkeit. Butoh ist keine japanische Folklore, sondern eine Kunstform für die ganze Welt. Mittlerweile gibt es viele regionale Stile.

Was müsste ich mitbringen?

Du musst wissen, wofür du tanzt. Das ist die Essenz des Butoh, und wenn man das verstanden hat, dann sind alle Voraussetzungen gegeben.

Sie werden jetzt 70 Jahre alt. Wie lange werden Sie noch tanzen?

Ich habe gerade in den letzten zwei Jahren gemerkt, dass mein Körper langsam abbaut. Aber solange die Seele noch lebendig ist, solange werde ich tanzen. Die Technik wird nicht mehr besser, aber der Ausdruck umso stärker. Mein Lehrmeister Kazuo Ono hat noch mit 100 Jahren beeindruckende Choreographien im Rollstuhl dargeboten.

Wenn Sie zurückschauen, was bewerten Sie als Ihren größten Erfolg?

Je älter man wird, desto mehr verschiebt sich die Bedeutung des Wortes Erfolg. Früher war Erfolg für mich, auf die großen und bedeutenden Bühnen eingeladen zu werden. Heute ist es ein Erfolg, wenn ich zuhause am Fenster sitze und die Natur beobachten kann. Zeit für so etwas zu haben, Zeit für mich zu haben, nicht Getriebener zu sein und unter Druck zu stehen, das ist heute für mich der Erfolg. So wird Erfolg zum Glück.

Was haben Sie sich für diese 2017 vorgenommen?

Ich werde in diesem Jahr noch ein großes Tanzprojekt umsetzen. Dann stehen auch noch mehrere Dreharbeiten an, unter anderem mit Jürgen Vogel. Mit Doris Dörrie plane ich gerade ein weiteres Projekt. Seit dem Film „Kirschblütenfest“ verbindet uns eine tiefe Freundschaft, weil wir ähnliche künstlerische Vorstellungen haben.

Sie sind in der ganzen Welt unterwegs und halten Göttingen seit 46 Jahren die Treue. Warum?

Ich habe hier meine Frau kennengelernt, unsere Söhne sind hier geboren und unser Enkelkind, und hier ist unser Butoh-Zentrum. Es stimmt, ich bin 4 bis 5 Monate im Jahr unterwegs. Aber seit dem Tod meiner Mutter habe ich keine Adresse, keine Anschrift mehr in Japan. Ich bin immer noch japanischer Staatsbürger, aber Göttingen ist längst meine Heimat.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die Movimentos Festwochen der Autostadt in Wolfsburg müssen sich als Folge der VW-Krise nicht noch weiter einschränken. Unter dem Motto „Freiheit“ bietet das Festival vom 21. April bis zum 21. Mai rund 50 Veranstaltungen. Fünf internationale Tanzkompanien präsentieren sechs Deutschlandpremieren, Jazz-Größen wie Matt Bianco, Jacky Terrasson und Fabrizio Bosso sind zu Gast.

Christiane Böhm 22.01.2017
Regional The Fog Joggers und Felix Woitschig im Apex - Herzhaft schrammelnde Gitarren

Die Musik der Fog Joggers ist geprägt durch schlichten, eingängig melodischen Mainstream-Rock. Der 2007 in Krefeld gegründeten Band eilt der Ruf voraus, mitreißende Konzerte zu geben. Davon konnten sich die zahlreichen Besucher im Apex überzeugen.

22.01.2017
Regional Schweizer Autor Lukas Bärfuss in der Universitätsaula - Über Grausamkeit und die offene Zukunft

Über die Kostbarkeit der freien Rede, die komplizierte Wahrheit, über die Grausamkeiten in der Literatur hin zu einem gefährdeten Zukunftsbegriff – einen weiten, anspruchsvollen Bogen schlug Lukas Bärfuss am Mittwochabend im ersten Teil seiner Poetikvorlesung in der gutbesuchten Aula der Universität.

Christiane Böhm 19.01.2017
Anzeige