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Regional Kohlstedt performt in Göttinger Marienkirche
Nachrichten Kultur Regional Kohlstedt performt in Göttinger Marienkirche
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00:39 23.04.2018
Konzert von Martin Kohlstedt in der Marienkirche. Quelle: Niklas Richter
Göttingen

Martin Kohlstedt wirkt dünnhäutig und hochsensibel: Der Künstler sucht auf dem Piano und Keyboard nach dem endgültig passenden Gefühlsklang – die perfekte Schwingung für den jeweiligen Augenblick. Die Musik, die er dabei entstehen lässt, ist zuckersüßer Schönklang oder brachialer Klangdonner. Der Pianist lebt in der Musik extreme Gegensätze, die seine inneren Gefühlslagen spiegeln. Schutzlos, unmittelbar und sehr persönlich präsentiert er sich seinen Zuhörern. Am Donnerstag spielte er eine bewegende Soloperformance in der gut besuchten Marienkirche.

Kohlstedts Musik ist Filmmusik ohne Film: Der Pianist schafft Stimmungen, lässt sie fließen und sich wandeln. Er zelebriert die komponiert wirkende Themen, wiederholt sie lange, lässt sich gedanklich treiben und entwickelt die Melodien immer weiter. Dabei entstehen Atmosphären, die im Kopf des Hörers ganz eigene Geschichten erzeugen. Die Musik ist eine Synthese aus melodiösem Pop, ätherischer Klassik, improvisiertem Jazz und effektvoller Elektronik. Aus Versatzstücken dieser Stile baut der Grenzgänger und Crossover-Künstler spannungsgeladene Klangcollagen. Die 20-minütigen Stücke sind suchende Klangreisen ins Ungewisse.

Direkte Musikerfahrung – mit Überraschungen

Martin Kohlstedt wurde in Breitenworbis geboren. Als Komponist und Pianist seiner zeitgenössischen Eigenkompositionen ist er weltweit gefragt – von der ausverkauften Elbphilharmonie bis zum Festival in Texas. Die Auftritte des in Weimar lebenden Künstlers überschreiten die Dimension eines konventionellen Konzertes. Der Pianist zelebriert eher eine Performance mit unvorhersehbarem Ausgang. Jeder Solo-Abend wird für das Publikum zu einer ganz direkten Musikerfahrung – Überraschungen inklusive. Dieser pianistische Einzelgänger ist ein introvertierter Exzentriker. Er liebt die Gegensätze: akustisches Piano und elektronisches Keyboard, zarte Klänge und laute Klangwolken. Damit setzt er zugleich emotionale Pole, zwischen denen er sich aus dem Augenblick heraus bewegt. So schöpft er alle Facetten des menschlichen Seins aus – Höhen und Abgründe, Glück und Verzweiflung.

Friedvolles Piano, laut-aggressives Keyboard

Im blau ausgeleuchtetem Altarraum der Marienkirche wird der Flügel immer wieder zu einer rettenden Klangwelt des Guten und das Keyboard bekommt die Aura des Bedrohlichen. Damit wird Kohlstedts Musik aber auch vorhersehbar: Vom friedvollen Pianospiel geht er in die laut-aggressive Welt des Keyboards mit wabernden Bassfrequenzen und flüchtet sich wieder zurück in die Lyrismen am Flügel. Dieses Schema wiederholt sich (zu) oft an diesem Abend.

Suchend und zweifelnd

Der Piano-Freigeist mag es, am Flügel im Schönklang zu schwelgen. In diesen Momenten führt der Solist sein Publikum hin zu hymnischem Pathos und kitschiger Romantik. Dieser Musik-Zuckerguss wirkt wie eine Botschaft des Künstlers: Die kitschigsten Gefühle schenken dem Leben die schönsten Momente. Martin Kohlstedt spricht zwischen den Stücken mit dem Publikum – beziehungsweise: Er versucht es. Er ringt um Worte, schweigt, offenbart ganz persönliche innere Empfindungen. Mit weicher Stimme sucht er nach Ausdruck. Es gelingt ihm nicht immer. Aber gerade dies fasziniert an diesem Künstler: Seine Musik spiegelt exakt sein menschliches Wesen wieder. Er ist ein Suchender und Zweifelnder. In seinem Spiel auf den Tasteninstrumenten kultiviert er diese Suche.

Unentschlossen und innerlich zerrissen

Der Pianist braucht an diesem Abend Zeit, um aus seinem Programm und seinen Eingebungen wieder herauszufinden – die Performance für ihn stimmig abzuschließen. Er nimmt zwei Anläufe. Der eigentliche vom Publikum umjubelte Konzertabschluss entspricht offensichtlich nicht seinem inneren Zustand. Unentschlossen und innerlich zerrissen blickt er stumm und fragend ins Publikum. Dann setzt er sich noch einmal an den Flügel: Er verabschiedet sich mit einer meditativen Piano-Fantasie – wie ein Gebet über den eigenen inneren Frieden. Der letzte leise angespielte Akkord verklingt in der Stille.

Von Udo Hinz

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