Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / 2 ° wolkig

Navigation:
Mehr als Märchensammler: Brüder Grimm

Sieben Jahre in Göttingen Mehr als Märchensammler: Brüder Grimm

Bekannt sind sie als Brüder Grimm. Ihr bekanntestes gemeinsames Werk erschien Weihnachten 1812 zum ersten Mal: Die Kinder- und Hausmärchen. Damals war der Erfolg nur mäßig. Die gelernten Juristen Jacob und Wilhelm Grimm hatten sich der Sprachforschung verschrieben und ihre Sammlung hatte die Bewahrung der Erzählform Märchen zum Ziel. In Kassel arbeiteten die späteren Göttinger Professoren daran.

Voriger Artikel
Abschied von Justus, Peter und Bob
Nächster Artikel
„Portugiesische Streifzüge“ in der Alten Feuerwache

Denkmal für die Grimms in Hanau: Dort sind die Brüder Jacob und Wilhelm geboren.

Quelle: ddp

Göttingen. Bei den Rezensenten vor 200 Jahren kam der erste Band der Kinder- und Hausmärchen nicht an. Der Anhang mit philologischen Erläuterungen war  etwas für Sprachforscher. Die waren die Zielgruppe der Grimms. Der spätere Erfolg der Märchensammlung – bis heute – ist das Verdienst von Wilhelm Grimm (1786-1859), der den Ratschlägen von Freunden und Kritikern folgte: Er bearbeitete die von Erzählern erhaltenen Märchen so, dass sie sich zum Vorlesen eigneten.

Grimm-Biograph Hans-Georg Schede schreibt dazu: „Durch seine stilistischen Bearbeitungen und Ergänzungen erhöht Wilhelm Grimm den Reiz der Texte (zumindest in den Augen der Leserschaft, des Bildungsbürgertums während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts) und sorgt so dafür, dass die Vermittlung der Märchenkenntnis von Generation zu Generation nicht abreißt, sondern im Gegenteil in bisher ungekanntem Umfang neu aufblüht.“

Und währenddessen zieht sich Jacob Grimm (1785-1863) immer mehr aus diesem Projekt zurück. Die beiden haben auch jeder für sich genug zu tun. Sie sind kein Autorengespann, auch wenn das oft behauptet wird. Von ihren insgesamt wohl 700 Veröffentlichungen gehören die Märchen zu den gerade mal 20 gemeinsamen Veröffentlichungen. Darunter ist auch das zu Lebzeiten der Grimms nicht vollendete „Deutsche Wörterbuch“, das heute in Göttingen und Berlin in einem bis 2016 geplanten Projekt neu bearbeitet wird.

Zeitlebens stehen sich die Grimms sehr nah, leben immer gemeinsam am selben Ort, im selben Haus. Geboren in Hanau wachsen Jacob und Wilhelm im benachbarten Steinau auf. In Kassel und Marburg folgen Gymnasialzeit und Jura-Studium. Von 1805 bis 1830 leben sie in Kassel. Dann folgt bis 1837 die Göttinger Zeit. Sie protestieren als „Göttinger Sieben“ gegen den Verfassungsbruch des Königs und werden des Landes verwiesen. In Kassel betreiben sie ihre Forschungen weiter, bis beide 1840 einen Ruf an die Universität in Berlin erhalten und annehmen.

Ihr Leben zeigt nicht nur unbändigen Forscherdrang, sondern auch engagierte politische Überzeugung in Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs. Jacob ist 1848 auch Mitglied  der deutschen Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche. Beide sind dem Neuen gegenüber aufgeschlossen, setzen hinsichtlich der Staatsformen auf Veränderung.

Ebenso wichtig ist den Grimms die Bewahrung deutscher Vergangenheit in Form der Kinder- und Hausmärchen ebenso wie in ihren Werken „Geschichte der deutschen Sprache“, „Deutsche Mythologie“ oder „Deutsche Rechtsaltertümer“. Noch zu Lebzeiten der Brüder Grimm sind die Titel erfolgreich am Markt. Die Sammlung der Kinder- und Hausmärchen, die siebte Ausgabe im Jahr 1857 enthält 210, wird „das weltweit am weitesten verbreitete Buch deutschen Ursprungs“, schreibt Schede. Dessen kompakte Grimm-Biographie ist spannender Lesestoff, der sowohl das Brüderpaar in seiner eigenwilligen Art als auch die von  Umbrüchen geprägte Epoche sehr anschaulich schildert.

Hans-Georg Schede: „Die Brüder Grimm“. CoCon-Verlag 2009, 288 Seiten, 12,80 Euro.
Voriger Artikel
Nächster Artikel
NDR2-Soundcheck: Statements von der Open City Stage am Sonntag