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Meister des lockeren Umgangs mit dem Publikum

Bodo Wartke in der Stadthalle Meister des lockeren Umgangs mit dem Publikum

Noch als die Bühne dunkel und leer ist, brandet der Beifall in der ausverkauften Göttinger Stadthalle auf. Dann kommt er, groß gewachsen, etwas schlaksig, schwarz gekleidet und erzählt von diversen Problemen. „Klaviersdelikte“ heißt das Programm, mit dem der Klavierkabarettist Bodo Wartke derzeit unterwegs ist. Anfang des Jahres hatte es in Berlin Premiere.

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Programm für den Fotografen unterbrochen und in Positur gesetzt: Bodo Wartke.

Quelle: Theodoro da Silva

Wartke ist ein ziemlich perfekter Klavierspieler und ein nicht minder perfekter Reimer – in beiden Disziplinen ein Nachfahre Georg Kreislers. So wie Kreisler einst Villa und Manila oder Bochum und „ooch Um(sätze)“ paarte, kann Wartke mit Sätzen wie „Laut Putzplan ist Lutz dran“ glänzen, mit hintergründigen Wortspielen wie „Dein Parfüm riecht so süß, Kind“ oder „Die WG der Herren ist unergründlich“, mit unverhofften Reimen wie Xanthippe und Ostwestfalen-Lippe. Und dass Herr Lehmann gleich nehman wohnt, ist ein echtes Kreisler-Zitat Wartkes.

Thematisch engagiert sich der Kabarettist vorzugsweise im Privatleben. Um Liebe geht es ihm ständig, auch wenn die Tränen des vermeintlich von einer Liebeserklärung gerührten Partners in Wahrheit von einer Birkenpollenallergie herrühren. Wartke regt sich über zu viel Werbung auf, über den allgegenwärtigen Krach auf Reisen, berichtet von WG-Problemen und der verwirrenden Vielfalt im Kaffee- und Teeangebot moderner Cafés. Nachhaltig beschwert er sich über die „Zweiklassenmusik“ bei der Gema, die die U-Musik (Unterhaltungsmusik) wesentlich schwächer fördert als die E-Musik, also die sogenannte ernste Musik: „E und U ist für die Gema das A und O“.

An dieser Stelle allerdings nimmt der studierte Musiker Beifall von falscher Seite in Kauf. Er reitet so lange auf dem verbreiteten Vorurteil herum, E-Musik sei langweilig, auf keinen Fall unterhaltsam und klinge schrecklich, bis ihm weite Teile des Publikums klatschend zustimmen. Sein Bekenntnis aber, dass er selbst E-Musik durchaus unterhaltsam findet, kommt am Ende etwas kurz und nicht nachdrücklich genug einher. Wenn er freilich dann meint, die Universität der Künste in Berlin, kurz UdK, müsse wegen des Überwiegens der E-Musik in der Ausbildung eigentlich Edeka heißen, freut man sich über diesen Kalauer so sehr, dass der kleine Ärger schnell wieder vergessen ist.

Überhaupt ist Wartke ein Meister des lockeren Umgangs mit dem Publikum, bietet frei gebliebene Plätze in den vorderen Reihen an, unterbricht für den Tageblatt-Fotografen sein Programm und setzt sich in Positur. Und er fragt in den Saal, wer ihn heute zum ersten Mal sehe. Das waren mehr als die Hälfte der Zuhörer – wobei die meisten von ihnen seine Lieder längst schon auswendig können. Denn einen Großteil seiner Popularität bezieht Wartke aus seinen Internet-Auftritten.

Doch es ist nun einmal ein ganz anderes Erlebnis, ihm live zuzuhören und zuzusehen. Etwa wie er gleichzeitig Samba tanzt und Klavier spielt, wie blendend er Mozarts „Sonata facile“ als Zwischending zwischen U- und E-Musik darbietet – was er „Ü-Musik“ nennt – oder wie virtuos er Mozarts Papageno-Arie aus der „Zauberflöte“ mit „La Paloma“ und dem „Chattanooga Choo Choo“ mixt und dem Vogelfänger den Satz in den Mund legt: „Die Amsel, die erdrossel’ ich“.

Knapp drei Stunden inclusive Pause dauert sein Auftritt. Am Ende gibt es Standing Ovations für ein ziemlich harmloses, aber gerade im Detail immer wieder ausgesprochen pfiffiges Programm. Schließlich muss ja nicht jeder Kabarettist ein bissiger Hund sein.

Von Michael Schäfer

Das nächste Göttingen-Gastspiel mit Bodo Wartke ist schon terminiert. Er kommt am Sonnabend, 16. März 2014, wieder in die Stadthalle.
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