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Regional Meyerhoff-Buch auf der Bühne des Jungen Theaters Göttingen
Nachrichten Kultur Regional Meyerhoff-Buch auf der Bühne des Jungen Theaters Göttingen
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00:23 29.11.2018
Vielfach ausgezeichnet: der Schauspieler Joachim Meyerhoff. Quelle: dpa
Berlin/Göttingen

Joachim Meyerhoff, Jahrgang 1967, ist ein vielfach ausgezeichneter Schauspieler. Doch er schreibt auch. Mit sein Romanreihe „Alle Toten fliegen hoch“ hat er sich mit der Geschichte seines bisherigen Lebens auseinandergesetzt. Das Junge Theater Göttingen bringt jetzt in einer eigenen Theaterfassung den zweiten Teil der Reihe „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war?“ auf die Bühne. Und was sagt Meyerhoff dazu?

In Ihrer Romanreihe schreiben sie über Ihr Leben und auch das Ihrer Familie. Was sagen denn die Verwandten dazu, dass sie in den Büchern auftauchen?

Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Aber eine Sache erzähle ich immer gerne und zwar, dass meine Mutter selbst Lesungen aus meinen Büchern macht. Sie ist nun auch schon achtzig Jahre alt, fährt im Norden herum und liest aus meinen Büchern. Ein deutlicheres Einverständnis mit dem, was in den Romanen vorkommt, kann ich mir nicht denken. Auch mein Bruder hat sich – ich glaube, so kann man es ausdrücken – an meine Sichtweise auf unsere Familie gewöhnt. Natürlich würde er eine ganz andere Geschichte erzählen. Aber es gibt auch kritische Stimmen. Insbesondere die Verwandtschaft um den Philosophie-Großvater herum ist nicht so begeistert, dass ich das Bild dieses wundervollen Mannes vervollständigt habe.

Der erste Teil, mit dem sich das Junge Theater in Göttingen befasst, spielt in Ihrer Kindheit. Wie dicht ist die Geschichte des Jungen, der als Sohn des Direktors einer Kinder- und Jugendpsychiatrie in Gesellschaft von vielen körperlich und geistig behinderten Altersgenossen aufwächst, an Ihrer Kindheit?

Na ganz, ganz dicht. Ich glaube, da trifft der Satz zu hundert Prozent zu: Das kann man nicht erfinden. Ich selbst habe lange gebraucht, diese Irrsinnsumgebung als solche zu erkennen. Erst mit Mitte 30 wurde mir klar, dass das ein unglaublicher Ort war, an dem ich aufgewachsen bin. Vorher war es eben einfach mein Zuhause, war es das normalste von der Welt, mitten auf einem Psychiatriegelände aufzuwachsen. Tagtäglich war das ein großes Spektakel, dass ich als Kind sehr mochte. Und ich habe mir – das muss ich schon ehrlich sagen – als Kind auch nicht viele Gedanken gemacht über das Leid der Patienten und deren oft katastrophale Unterbringung. Es war meine Welt, und mein Vater war der Direktor dieser Welt, eine Art König innerhalb der hohen Anstaltsmauer.

Sie haben den Stoff im Wiener Burgtheater selbst sehr erfolgreich auf die Bühne gebracht. Das Junge Theater ist ein eher kleines Haus. Warum haben Sie zugestimmt, dass das JT eine eigene Fassung schreibt und inszeniert?

Wenn sich jemand für den Stoff interessiert, freut mich das natürlich, und ich finde es auch wichtig, dass ein Theater seine eigene Fassung macht, dass es keine von mir festgeschriebene Vorlage gibt. Es gibt so viele verschiedene Geschichten in den Büchern! Da muss sich jeder seinen eigenen Schwerpunkt setzten, selbst herausfinden was er scharf stellen möchte.

Eher eine Leseperformance

Sie wurden mit den ersten drei Teilen dieser Geschichte in ihrer eigenen Bühnenfassung zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen, eine große Auszeichnung. Haben Sie damit die Latte für nachfolgende Inszenierungen anderer Häuser nicht sehr hoch gelegt?

Na, das was ich gemacht habe, war ja eher eine Leseperformance, der Versuch der Aneignung beziehungsweise Vergegenwärtigung der eigenen Biografie. Oder vielleicht auch nicht ganz so hochtrabend: Die Lust zu entdecken, von sich zu erzählen und damit gut zu unterhalte. Wenn sich jetzt ein Theater mit diesem Stoff beschäftigt, ist das doch etwas vollkommen anderes. Jetzt ist es Material für Schauspieler, die hoffentlich Spaß daran finden, mit den diversen Personen der Geschichten Situationen zu entwickeln. Und so schreibe ich ja auch: situativ. Es gibt jede Menge Dialoge und vehemente Begebenheiten die – so hoffe ich – auch auf der Bühne lebendig werden können.

Haben Sie die Göttinger Fassung gelesen und für gut befunden?

Oh nein, ich würde mich nie einmischen. Ich bin kein Kontrollfreak. Ich habe die Bücher geschrieben und veröffentlicht – sozusagen ausgewildert. Jetzt müssen sie allein zu recht kommen und darauf hoffen, gut behandelt zu werden.

Werden Sie nach Göttingen kommen, um sich die Produktion anzusehen? Vielleicht sogar schon zur Premiere?

Nein, eher nicht. Ich stecke ja selbst in Proben und habe bald Premiere von Medea. Außerdem habe ich genau an dem Wochenende ein Gastspiel in Ludwigshafen. Aber vielleicht schau ich es mir später mal an. Obwohl, ein wenig seltsam ist das natürlich schon, die eigenen Eltern von Schauspielern verkörpert zu sehen. Könnte mich mehr irritieren als ich ahne.

„Ich klebe immer mehr am Boden“

Im zweiten Teil der Romanserie gehen Sie als Austauschschüler für ein Jahr in die USA und werden dort mit dem Basketball-Virus infiziert. Interessieren sie sich noch immer für diesen Sport? Göttingen ist immerhin eine Basketball-Stadt.

Oh ja das tue ich. Ich bin immer auf dem neusten Stand wie fit Dirk (Nowitzki Anm. d. Red.) ist. Aber auf welchem Tabellenplatz Göttingen momentan ist, könnte ich nicht sagen. Ich habe es geliebt Basketball zu spielen. Wenn der Ball durch das Netzt zischt, ohne den Ring zu touchieren! Das ist schon toll. Aber einen Dunk kriege ich nicht mehr hin. Ich klebe immer mehr am Boden. So ist das ab 50 – die Schwerkraft nimmt zu.

Ist die Reihe beendet, oder warten Sie einfach ein paar Jahre, um neuen Stoff zu erleben?

Ich würde gerne weiterschreiben, aber natürlich muss ich genau wissen, warum und worüber. Geschichten gibt es ja immer unendlich viele, fast zu viele, aber die Perspektive aus der man sie erzählt, ist das Endscheidende. Diesen Blickwinkel gilt es zu entdecken.

Am Staatstheater Kassel haben Sie ihm Laufe Ihrer Karriere gespielt. Warum eigentlich nie in Göttingen? Das Junge Theater und das Deutsche Theater hier sind doch auch respektable Häuser?

Schon immer hat das Theater in Göttingen eine Rolle für mich gespielt, da meine Großmutter dort unter Hilpert gespielt hat. Von dieser Zeit schwärmte sie stets, und auch ich bin oft von Kassel nach Göttingen gefahren, um mir dort etwas anzusehen. Ich erinnere mich an eine verschwommene Liebesszene hinter Glasbausteinen. Lange her.

Joachim Meyerhoff: Wann wird es endlich so, wie es nie war, Kiepenheuer und Witsch, 352 Seiten, 19,99 Euro.

Die Premiere der Theaterfassung im Jungen Theater steht am Donnerstag, 29. November, auf dem Programm. Der Abend in dem Haus Hospitalstraße 6 beginnt um 20 Uhr. Kartentelefon: 0551/495015.

Von Peter Krüger-Lenz

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