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Michael Conrads verwandelt Räume im Künstlerhaus

Ausstellung Michael Conrads verwandelt Räume im Künstlerhaus

Raute schiebt sich an Rauten, Dreieck an Dreieck, mal überlagert eine Form die andere, sternförmige Spitzen werden unterbrochen oder über die Grenzen der umliegenden Farbfelder weitergeführt, kristalline Strukturen mal bejaht, mal verneint. Michael Conrads, dessen Ausstellung „paint“ derzeit vom Kunstverein im Göttinger Künstlerhaus gezeigt wird, geht in seinen Gemälden von einer musterhaften Basis aus. Dunkleren Flächen stehen hellere gegenüber, starkfarbige verketten sich mit blasseren. An einigen Stellen sind Tape, Folien, Papiere kaum merklich aufgeklebt, der Duktus des Pinsels ist darüber deutlich zu sehen. Herabrinnende Farbe verbindet die Felder miteinander oder hängt wie ein Vorhang über tieferen Schichten. Ab und an scheint teeriges Braun auf, das an Industriekultur und Vergänglichkeit erinnert. Auf diese Weise entstehen im polymorphen Nebeneinander stereometrische Darstellungen, deren Widersprüchlichkeit räumliche Ambivalenzen im mal tiefen, mal schwebenden Bildraum erzeugen.

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Mit Erinnerungen arbeitet Conrads innerhalb des langwierigen malerischen Prozesses, den er selten als abgeschlossen gelten lassen mag. Dabei rühren, so lassen es die zahlreichen Zitate anklingen, die Erinnerungen vor allem aus der Kunstgeschichte: kubistische Zertrümmerungen von Formenzusammenhängen, die Kathedralfensteransichten Frantsiek Kupkas und Anklänge an Ljubow Popowas malerische Architektonik. Im aufgeklappten Spielraum der klassischen malerischen Stilmittel lassen sich nicht nur die russische Avantgarde oder europäische Kunst des eingehenden 20. Jahrhunderts finden, auch die Nachkriegsmalerei scheint auf.

Mit dem Titel „Kristallnacht“ für eines der in kristallinen Formen gewebtes Gemälde weist Conrads in ein anderes Kapitel, deutscher und „auch in Göttingen sehr deutlich vertretener Geschichte“, so der Künstler. „Landschaftsfraktalen“, „Einem Lächeln“, „Rock bottom riser“ steht nun der euphemistische Begriff für den Pogrom gegenüber. Conrads manövriert sich im wahrsten Sinne des Wortes damit in eine finstere Ecke jenseits der von Kant bis Lyotard vielfach benannten ästhetischen Kategorie: Die Verbrechen des Nationalsozialismus – und auch 9/11 – seien so unfassbar und gewaltig, dass sie auch etwas „Erhabenes“ hätten.

Neben der so benannten Malerei sind Gegenstände in der Tradition von Objets trouvés zu sehen, ein abgehalfterter Weihnachtsbaum, durch einen Autounfall des Künstlers auf dem Weg nach Göttingen farbenfroh pigmentiert, oder der „Bananendip“, es hebt und senkt sich ein Bananencluster an einer Spirale im Raum auf und ab.

Die Lissajous-Figuren Istanbuler Spirographen-Händler verflechten sich mit starkfarbigen Geometrien und an M.C. Escher gemahnende Kopien von Zeichnungen, die wiederum an psychedelisch gestaltete Tapeten der ausgehenden 60er Jahre erinnern. Was dabei entsteht ist ein mal hübsches, mal wenig nachdrückliches Konglomerat von frischen wie zitierten Ansichten.

Von Tina Lüers

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