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Mit schlechtem Gewissen zwar, aber ohne Schuldgefühl

23 Grundsituationen des Liebeslebens Mit schlechtem Gewissen zwar, aber ohne Schuldgefühl

Kolumnenschreiber gehen in Göttingen immer. Max Goldt schafft hier an aufeinander folgenden Tagen volle Häuser und auch Harry Rowohlt ist ein gefragter Vorleser. Jetzt ist einer dazu gekommen, der zumindest schon mal das Alte Rathaus komplett gefüllt hat: Harald Martenstein.

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Enstpannt, eloquent, lebensklug: Harald Martenstein im Alten Rathaus Göttingen.

Quelle: Hinzmann

Er war jetzt im Rahmen des Literaturherbstes zu Gast – und las keine Kolumnen sondern drei Kapitel aus seinem zweiten Buch. „Gefühlte Nähe. Roman in 23 Paarungen“ heißt das Werk, in dem es, na klar, um die Liebe geht, genauer: um „Grundsituationen des Liebeslebens“ erläutert Martenstein und meint, es handele sich eher um einen Männerroman.
23 verschiedene Männertypen hat der Autor jeweils ein Kapitel gewidmet, die Konstante ist die Frau. Der Leser lernt sie nur als N. kennen, durchlebt aber mit ihr verschiedene Lebensphasen. „Sie schafft es nicht, Stabilität in ihr Liebesleben zu bringen“, erklärt Martenstein und nennt das „serielle Monogamie“. Der Fokus allerdings liegt auf den Figuren an ihrer Seite.

Drei Kapitel, also drei der Männer stellt Martenstein an diesem Abend vor. Das ist beispielsweise der Arzt Vollmann. Der Sohn ist längst aus dem Haus, Gattin Monika als Expertin für die „Verwahrung von tagesnahen Hohlräumen“ noch einmal durchgestartet. Sie arbeitet im Stollen- und Tunnelbau, sie führen eine Wochenendehe. N. lernte er in seiner Praxis kennen, seit zwei Jahren haben sie jetzt ein Verhältnis miteinander. Vollmer räumt pedantisch auf, wenn N. über Nacht bei ihm zu Hause war. Er saugt sogar das Bettlaken und füllt den Joghurt im Kühlschrank auf, den sonst nur Monika isst. Ein schlechtes Gewissen hat er zwar, doch schuldig fühlt er sich nicht. Männer seien eben „aufs Überleben der Gattung programmiert – mit allen hormonellen Konsequenzen“. Beim Spielzeugverkauf auf dem Flohmarkt fliegt der Schwindel schließlich auf.

In den Kapiteln, von denen Martenstein sagt, sie hätten den Charakter von Novellen, geht es ums „Betrügen, betrogen werden, sich verlieben, streiten, bei Ikea einkaufen“. Martenstein: „Männer erkennen sich wieder, Frauen erfahren, wie Männer ticken.“
Zwei Kapitel wollte er lesen, es blieb noch Zeit für mehr. „Noch ein kurzes Kapitel? Oder irgendwelche Kolumnen?“, fragte Martenstein und entscheidet selbst. Ein weiterer Abschnitt aus dem Buch soll es sein: „Ist doch ganz interessant, nicht?“

Martenstein liest sehr entspannt, beinahe szenisch. Er weiß, Pointen zu setzen, überspannt den Spaßbogen aber nicht. Seine Charaktere sollen nicht nur die Liebe in ihrem Leben haben, erläutert der Autor am Ende des Abends. Es sollten Menschen sein, „bei denen an anderer Stelle die Hütte brennt“. Durchschnittliche Menschen also, „nicht eindeutig komisch, nicht eindeutig schrecklich“. Was allerdings am Ende herauskommt, ist auch dem Autor Anfang meist unklar: Was man eigentlich sagen möchte, erfährt man erst am Ende.“ Die Männer kommen in Martensteins Buch schlecht weg, bemerkte eine Besucherin. „Man könnte das Buch auch andersherum schreiben“, erklärte der. „Das müsste dann allerdings eine Frau tun.“

„Lebensklug und authentisch“ nannte eine weitere Besucherin schließlich Martensteins Figuren: „Ich habe das Gefühl, ich kenne sie alle.“ Ein anderer brachte es kurz und knapp auf den Punkt: „doll konzipiert“.

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