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Regional Mueller dirigiert Mahler in Göttinger Stadthalle
Nachrichten Kultur Regional Mueller dirigiert Mahler in Göttinger Stadthalle
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14:02 30.06.2018
Fast 270 Mitwirkende: Kantorei St. Jacobi, Stadtkantorei, Göttinger Symphonie-Orchester und Thorner Symphonie-Orchester unter der Leitung von Christoph-Mathias Mueller im Finale von Mahlers „Auferstehungssymphonie“. Quelle: Schäfer
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Göttingen

Mit Mahler schloss sich ein Bogen. Seine 13 erfolgreichen Göttinger Jahre, für die ihm Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler unter lebhaftem Applaus des Publikums sehr herzlich dankte, hatte Mueller 2005 mit einer Mahler-Symphonie begonnen. Schön, dass auch sein Nachfolger Nicholas Milton in seiner ersten Göttinger Saison am 19. Oktober eine Mahler-Symphonie aufführen wird.

40-jährige Städtepartnerschaft Thorn – Göttingen

Mit dem Konzert wurde zugleich die 40-jährige Partnerschaft zwischen Göttingen und Thorn gefeiert. Dem wurde der Abend in zweierlei Hinsicht gerecht. Mueller eröffnete dieses denkwürdige Konzert mit dem Werk eines polnischen Komponisten in polnischer Sprache, dem „Stabat Mater“ von Karol Szymanowski. Zum anderen waren in der Mahler-Symphonie zwei Orchester beschäftigt: das Thorner Symphonie-Orchester und das GSO musizierten gemeinsam. Das hatten sie eine Woche zuvor schon einmal getan: bei der umjubelten Aufführung der zweiten Symphonie Mahlers im Thorner Kultur- und Kongresszentrum CKK Jordanki unter der Leitung des polnischen Dirigenten Mariusz Smolij.

Einer fehlte im Thorner Orchester: der Geiger Wojciech Skruszewicz. Der 36-jährige Musiker hatte am Tag nach dem Thorner Konzert einen tödlichen Unfall erlitten. Zum Gedenken an ihn blieb beim Göttinger Konzert ein Stuhl im Orchester leer, geschmückt mit einer weißen Lilie. Spontan startete das GSO am Ausgang eine Spendenaktion für die Hinterbliebenen des Geigers.

Modernes und Altes verknüpft

In seinem 1925/26 komponierten „Stabat Mater“ verknüpft Szymanowski eine moderne musikalische Sprache mit Elementen alter polnischer Kirchenmusik. Das erzeugt eine sehr eindringliche Wirkung, die man auch ohne polnische Sprachkenntnisse sehr wohl spüren kann. In allen Sätzen dieses Werkes sind Chor- und Solopartien miteinander verflochten. Mit der Sopranistin Lin Lin Fan, der Altistin Ingeborg Danz und dem Bariton Samuel Hasselhorn waren die Solopartien hervorragend besetzt. Lin Lin Fan hat seit ihren früheren Koloratursopran-Zeiten ein erhebliches Maß an stimmlicher Fülle und Reife hinzugewonnen. Die sehr warm timbrierte, ganz natürlich fließende Altstimme von Ingeborg Danz kann sich mühelos auch gegen ein voll besetztes Orchester durchsetzen. Und der vokale Glanz, mit dem Samuel Hasselhorns profunder Bariton strahlt, ist in diesem Stimmfach nicht eben häufig anzutreffen.

Auf dem Chorpodium waren die beiden großen Kantoreien Göttingens erstmals gemeinsam zu erleben: die von Bernd Eberhardt einstudierte Göttinger Stadtkantorei und die Kantorei St. Jacobi, die Stefan Kordes nicht minder gründlich vorbereitet hatte. Die Choristen sangen ihren nicht nur sprachlich schwierigen Part mit ansteckendem Enthusiasmus, mit großer Homogenität im Chorklang und intonationssicher. An diesem Stück war „nur“ das GSO beteiligt, das unter Muellers ausdrucksintensiven Dirigat seine Aufgaben mit sichtbarer Leidenschaft bewältigte.

Existenzielle Fragen

Höhe- und Schlusspunkt des Abends aber war Mahlers „Auferstehungssymphonie“. Beide Klangkörper spielten wie aus einem Guss, beide mit demselben Engagement und derselben musikalischen Tatkraft. Die existenziellen Fragen nach Leben und Tod, die Mahler in dieser Symphonie aufwirft, gewannen eine ergreifende, erschütternde und beseligende musikalische Gestalt. Gewaltige Kämpfe und tiefste Verzweiflung kennzeichnen den Kopfsatz, den zweiten Satz durchziehen Erinnerungen an eine unbeschwerte Jugend, während im Scherzo ein bisweilen geradezu grimmiger Humor durchscheint. All dies mündet in die vokalen Schlusssätze: das ergreifende Lied „Urlicht“, das Ingeborg Danz mit intensivstem Ausdruck bewegend gestaltete, und das überwältigende Finale mit dem himmlischen Chor „Aufersteh’n, ja aufersteh’n“.

Was das Orchester im Tutti wie auch in zahlreichen solistischen Aufgaben bot, war enorm, nicht minder die Leistungen der beiden Kantoreien sowie der Solistinnen Lin Lin Fan und Ingeborg Danz. Die Emotionen gingen sehr, sehr tief. Ein ums andere Mal konnte Mueller mit seinen fast 270 Mitwirkenden beim Publikum eine Gänsehaut auslösen. Schon nach wenigen Augenblicken erhob sich das Publikum, um seinen begeisterten Schlussbeifall im Stehen zu spenden. Die Ovationen wollten kaum ein Ende nehmen.

Von Michael Schäfer

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