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Multiinstrumentalist Helge Schneider in der Lokhalle Göttingen

„So, das habt ihr jetzt davon“ Multiinstrumentalist Helge Schneider in der Lokhalle Göttingen

Roter Samt auf dem Boden, ein schwarzer Smoking, ein dunkelblaues Hemd: Wie eine betagte Jazzlegende schlurft Helge Schneider mit krummen Knien, gebeugt vom Erfolg, vom Alter und dem Gewicht des Saxofons mit großer Sonnenbrille über die Bühne, spielt ein Solo, lässt sich feiern, feiert seine prima Band.

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Spielt nonchalant seinen eigenen Stiefel und kann auch mal ruppig werden: Helge Schneider in der Lokhalle.

Quelle: Pförtner

Göttingen. Schon der erste Auftritt des Unterhaltungskünstlers am Freitagabend in der nahezu vollbesetzten Lokhalle in Göttingen spannt die Hauptthemen der Show auf.

An diesem Abend sieht man Schneider einerseits einmal mehr und besonders eindrücklich als multiinstrumental agierenden musikalischen Tausendsassa. Auf der anderen Seite steht das Themenfeld Alter, Altern, Abschied im Mittelpunkt.

Schneider beobachtet genau, gibt die kleinen Gesten von manchen älteren Männern wieder, ihre besondere Weise, die Hose über dem Bauchnabel zu vergürteln, ihre Schulterblätter über dem vorgebeugten knochigen Kreuz hochzuziehen, ein bisschen zu nuscheln und zu spucken beim Sprechen.

Frauen kommen nicht ganz so gut weg

Seine Lacher kassiert er aber nicht im Amüsement über diese Verhaltensweisen, sondern er erzeugt ein prospektives Mitlachen, das lässig auf den Arm nimmt, was sonst hinter vorgehaltener Hand politisch korrekt besprochen wird. Frauen allerdings kommen in dieser Show nicht ganz so gut weg wie die „Oppas“, deren Verhaltensweisen er sich schon in seiner Ruhrgebiet-Jugend im Stehcafé von Eduscho abgeschaut hat.

„Weiber“ treten so nur als Männer verschlingender, riesiger und betrügerischer Kuckuck auf, als beschränkt nach Bier gackernde Henne oder in der nicht vorhandenen Präsenz unter seinen Musikern. So bewahrheitet er selbst, was er konstatiert: „Ich sprech’ jetzt mal als Frau: Die Emanzipation hat uns nicht viel gebracht.“

Seine Band wartet auf ihre Einsätze, begleitet ihn routiniert und doch immer überaus achtsam auf die womöglich improvisierten Übergänge. Schneider gibt die Jazz-Legende nicht nur, er spielt nonchalant seinen eigene Stiefel, begeistert nacheinander am Klavier, mit der Gitarre, dem Saxofon, Xylofon oder auch der Harmonika

Neu aufgelegtes Katzenklo

Dabei geizt er nicht mit alten Gassenhauern, gibt dem Baby Reis, der Liebe 100 000 rote Rosen und lässt gar das Katzenklo gut aufgelegt ganz neu erklingen. Zwischenrufe und Publikumswünsche jedoch verbittet er sich – „ist schließlich eine Fullplayback-Show“. Dabei kann er auch mal ruppig werden: „Wenn du da unten noch mal sagst: Lass knacken!, dann komm’ ich da runter und dann kannst du deine Knochen knacken hören.“

Jedes Lied bringt er nach ein, zwei Tässchen Tee, serviert von Butler Bodo, auf die Spitze, brilliert und zerstört es dann programmatisch, mal ironisch, mal witzig, mal hart. Nach dreißig Jahren auf Tour nimmt Schneider sich für die nächsten zehn Jahre eine Pause, danach „können wir mal weitersehen – wenn ihr dann noch lebt!“

Auf Zugaben hat er nach dieser Ansage keine Lust mehr, auf den immer wieder geforderten Telefonmann schon gar nicht. Schließlich verspielt und versingt er sich, ganz im Gestus des abgehenden Stars und schönster Tragik bei langsam aufblendendem Licht: „So, das habt ihr jetzt davon.“

Von Tina Lüers

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