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Museen konfrontiert mit wachsender Empfindlichkeit gegenüber Kinderakten

Kunst und Pädophilie Museen konfrontiert mit wachsender Empfindlichkeit gegenüber Kinderakten

Seit 200 Jahren betört Caravaggios breitbeiniger „Amor als Sieger“ das Berliner Museums­publikum. Nun aber soll der 1602 gemalte Knabe, Prachtstück der Sammlungen der Staatlichen Museen, auf einmal zu aufreizend sein?

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„Verwerfliche“ Darstellung? „Amor als Sieger“, gemalt 1602 von dem italienischen Barockkünstler Caravaggio (1571–1610).

Quelle: dpa

Göttingen. Besorgte Bürger wiesen kürzlich in einem offenen Brief an die Gemäldegalerie darauf hin, dass die mythologisch verpackte Darstellung eines nackten Kindes pädophile Gelüste wecken könne: „Die ausdrücklich obszöne Szene dient zweifellos der Erregung des Betrachters; unter Rücksicht auf das Alter des ,Modells‘ ist dieses ,künstlerische Produkt‘ höchst verwerflich“, heißt es in dem Brief. Der „Amor“ gehöre schleunigst abgehängt.

Die Berliner Bilderstürmer artikulieren ihre Sorge vor dem Hintergrund der Edathy-Affäre und der Diskussion um sogenannte „Posing“-Bilder: Fotografien nackter Kinder, die im Internet gehandelt werden. „Posing“ beobachten die Briefschreiber auch auf dem vier Jahrhunderte alten Caravaggio-Gemälde. Bernd Lindemann, der Direktor der Gemäldegalerie, konterte mit dem Verweis auf die Freiheit der Kunst. Die Forderung, „Amor“ abzuhängen, nannte der Kunsthistoriker „absurd“.

Zu allen Zeiten hätten sich Künstler auf die Mythologie bezogen, und diese sei nun mal voll von Vergewaltigungen junger Nymphen durch Götter und sexueller Übergriffe auf Minderjährige. „Kunst, und ich glaube auch menschliche Fantasie, lebt von Tabubrüchen“, sagte Lindemann. „Glückliche Ehepaare“ abzubilden sei hingegen „langweilig“. Aber lässt sich die Angelegenheit wirklich so einfach aus der Welt schaffen?

Als das Sprengel Museum Hannover vor vier Jahren Fränzi und Marcella, den Kindermodellen der international gefeierten „Brücke“-Künstler Kirchner, Heckel und Pechstein aus sonnigen Tagen an den Moritzburger Seen nahe Dresden, eine Ausstellung widmete, waren manche Betrachter verstört.

Gästebuch mutiert zu Beschwerdebuch

Der Katalog leistete eine kritische Auseinandersetzung, nicht aber die Ausstellung selbst. Besucher fühlten sich mit den erotischen Zeichnungen alleingelassen. Das Gästebuch mutierte zu einem Beschwerdebuch. Die „pädophil-pornografische Grundstimmung“ der Schau fanden Besucher „bedrückend“.

Kürzlich in Essen war es nicht das Publikum, sondern ein Museumsdirektor, der angesichts gespreizter Kinderbeine von plötzlichem Unbehagen ergriffen wurde. Es ging um Polaroids, die der polnisch-deutsch-französische Erotiker Balthus von seiner letzten Muse machte. Zu Beginn der Sitzungen war das Mädchen Anna acht Jahre alt.

Tobia Bezzola, der Direktor des Folkwang-Museums, sagte die geplante Schau noch vor der Eröffnung ab – nach Erkundigungen beim Jugendamt. Der Folkwang-Direktor betrachtet Balthus’ Polaroids allerdings weiterhin als interessante kunsthistorische Dokumente, vergleichbar zeichnerischen Skizzen. Merkwürdig nur, dass der Maler gleich zweieinhalbtausendmal auf den Auslöser drückte.

Wo verlaufen die Grenzen zwischen Erlaubtem und Anstößigem, zwischen Strafbarem oder auch moralisch Verwerflichem? Laut Gesetzgeber sind kinderpornografische „Bilder und Darstellungen“ verboten. Die Meinungen, was alles darunterfällt, gehen allerdings auseinander.

Bei der Frage nach der Bestrafung sei zwischen der „Wirkung“ und dem „Herstellungsprozess“ zu unterscheiden, sagt der Jenaer Bildwissenschaftler Lambert Wiesing. Wenn jemand zu Hause aus der Fantasie Kinderpornos zeichne, sei das grundsätzlich anders zu bewerten als die Herstellung entsprechender Polaroids. Eindeutige Richtlinien gibt es bislang nicht.

„Man sollte nicht zu puritanisch werden“

Die Richter entscheiden von Fall zu Fall. Unstrittig ist, dass Kindern beim Herstellungsprozess der Werke kein Leid zugefügt werden darf. Wird ein Künstler des Missbrauchs überführt, wie der Brite Graham Ovenden, so verändert sich abrupt der Blick auf das Werk. Ovenden wurde 2013 zu einer Haftstrafe verurteilt, die Londoner Tate hängte seine Bilder ab.

Zu lange habe sich Kunstbetrachtung in Stilanalyse erschöpft, meint die Kulturwissenschaftlerin Renate Berger und verweist auf Künstlerateliers als „sexuelle Nischen“, in denen sozial Niedrigstehenden oder sogar Kindern gegen Geld Posen aufgezwungen werden. Solche „Ausbeutungsverhältnisse“ gelte es stärker in den Blick zu nehmen und auch in Ausstellungen zu thematisieren.

„Grenzen sollten allerdings nicht zu eng gezogen werden“, sagt Katja Lembke, die Direktorin des Landesmuseums in Hannover: „Man sollte nicht zu puritanisch werden.“ Lembke hat kürzlich bewusst ein paar Aktbilder von Lovis Corinth aus dem Depot geholt und in die Schauräume gehängt.

Wo freilich Menschen gegen ihren Willen zu etwas gezwungen würden, sei eine klare Grenze zu ziehen. „Man muss die Bilder nicht verbergen, aber die Geschichten über das Verhältnis zwischen Künstlern und Modellen erzählen“, sagt Lembke.

Von Johanna Di Blasi

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Sebastian Edathy kämpft verzweifelt um seine Reputation. In einem Interview bestreitet er, pädophil zu sein. Gleichzeitig verteidigt er seinen Ankauf von Aufnahmen nackter Kinder.

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