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Regional „Peng, Puff, Knall“
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00:20 09.08.2018
Wiebke Eymess und Friedolin Müller treten als „Das Geld liegt auf der Fensterbank Marie“ bereits zum zweiten mal in Göttingen auf. Quelle: Heller
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Göttingen

Auf der kleinen Bühne sitzt ein Pärchen. Er: Typ moderner Großstadtyuppie mit Drei-Tage-Bart, Hemd und Hosenträgern, mit innigem Verhältnis zu seinem Mobiltelefon und ausgeprägtem Bildungshintergrund. Sie: Typ junge Mutter, blond, Blümchenkleid und in einem geistigen Zustand, den er andauernde Stilldemenz nennt. Ihre gemeinsamen Dauerthemen, zu denen sie selbstverständlich überwiegend gegensätzliche Meinungen haben: Kinder, Leben auf dem Land und ganz allgemein die Beziehungsunfähigkeit moderner Paare.

Er heißt Friedolin Müller, sie Wiebke Eymess. Nach eigener Aussage sind die beiden sympathischen Landeshauptstädter auch im echten Leben ein Paar. Wo die Grenze zwischen Realität und Rolle verläuft, darf ihr Geheimnis bleiben. Das, was sie dort auf der Bühne treiben, sei ihre ganz eigene Form des Kabaretts, sagt das Duo. Es changiert zwischen Real- und Politiksatire, ist mit ein bisschen liebevollem Wortspiel und ganz viel Musik garniert. Dazwischen wird mal gedichtet und meistens geplaudert.

Knall zum Auftakt

Das neue Programm heißt „Gleich knallt’s“ und das tut es dann auch gleich zum Auftakt des Abends. Da besingen Müller und Eymess den lautstarken Untergang der Welt. Die Selbstauflösung als Lösung aller Menschheitsprobleme: Peng. Puff. Knall. Themenwechsel: Was soll an einem Dorf, in dem es Brötchen nur bei der Tankstelle und Biogemüse nur per Paketboten gibt, so toll sein? Warum hört sie nicht endlich auf, das Leben durch die Öko-Romantik-Brille einer „Landlust“-Abonnentin zu sehen? Warum ziehen sie nicht zurück in die Stadt, wo man wenigstens noch die rein statistische Chance auf einen Seitensprung oder andere soziale Kontakte hätte?

Summ. Summ. Summ. Ein Lied zum Insektensterben mit der schönen Wendung, dass in Mexiko alles besser sei. Hier sei der Käfer noch gebaut worden, als er in Deutschland schon lange ausgestorben war. Das Niveau des Humors ist oft angenehm hoch. Ist es das nicht, verweist Müller darauf, dass Eymess die Texte schreibe. Unter anderem auch den, mit dem sie mit den Macken den modernen Mannes abrechnet. Mit seinen Macken. Er hat einen WLAN-Router im Badezimmer installiert, um während seiner langen Sitzungen besseren Empfang zu haben. Er hat einen Keller voller Werkzeug, das er zwar dringend braucht aber nicht benutzt. Er sei das einzige Lebewesen, das Heinrich von Kleist anregender finde als Reizwäsche. Außerdem ist er schuld an ihrer Misere.

Alte weiße Männer

Überhaupt sind Männer an allem schuld. Vor allem wenn sie alt und weiß sind, singen die beiden anschließend. Einer der gefährlichen Momente des Abends, wenn man sich die Zusammensetzung des Publikums einmal genauer betrachtet. Aber das bleibt amüsiert und erträgt sogar die Pointe, dass der Vorteil an alten weißen Männern sei, dass es sie nicht mehr lange gebe. Es sind diese Momente, in denen Müller gern eine Konfetti-Kanone abfeuern würde. Er darf aber keine haben, sagt sie.

Glücklicherweise braucht das Duo, das bereits seit zehn Jahren zusammen auf der Bühne steht, auch keine derartigen Humorverstärker. Im Gegenteil: Gerade wenn sie ein klein wenig ernster und stiller werden, wie beispielsweise beim Gedicht „Der Jongleur“, der „Hymne für Vaterland“ oder dem Abschiedslied, haben Müller und Eymess richtig starke Momente. Nach zweieinhalb Stunden war der Applaus anhaltend und das Bedürfnis nach Abkühlung mindestens ebenso groß wie die Gewissheit, einen unterhaltsamen Abend verlebt zu haben.

Von Markus Scharf

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