Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / 0 ° Schneeregen

Navigation:
Musikgenie im verbalen Schleudergang

Niedersächsische Musiktage Musikgenie im verbalen Schleudergang

Klaus Maria Brandauer liest Mozart, rezitiert seine Briefe – das heißt, er flüstert, raunt, heult, brüllt und kichert Mozart: Einmal mehr schlüpfte der große Schauspieler am Freitag im ausverkauften Deutschen Theater (DT) in die Rolle des großen Komponisten.

Voriger Artikel
Bis zum Schnürboden
Nächster Artikel
„Die Frauen bleiben weiter stigmatisiert“

Liest Mozart-Briefe mit Bravour: Klaus Maria Brandauer.

Quelle: Krückeberg

Göttingen. Musikalisch unterstützt wurde er bei seiner Mozart-Erkundung von dem renommierten Grau-Schumacher-Klavierduo.

„Potz Himmel, Tausend, Sakristei“ eröffnet Mozart/Brandauer einen der berühmten Briefe an seine Cousine, das „Bäsle“. Dann legt er den verbalen Schleudergang ein, wirbelt alles durcheinander, was sein Genie nur zu fassen kriegt, ruft Himmel und Hölle an, „Jesuiten, Augustiner, Benediktiner“, ebenso „alle Eseln, Büffeln, Ochsen, Narrn“:

Dies bringt Brandauer wunderbar und mit Bravour, lässt die Silben krachen, wirft alles, „Schwänz übereinander“, in den Mahlstrom wirbelnder Assoziationsketten hinein. Und wird ganz leise, wenn es – endlich – um das versprochene Portrait geht: „Zweifeln sie vielleicht, ob ich auch mein Wort halten werde?“

Zwischen Theaterdonner und Euphorie, Possenspiel und leiser Resignation sind die Briefe Mozarts ausgespannt, und Brandauer schreitet diesen Raum virtuos ab. Ebenso das Grau-Schumacher-Duo, bestehend aus den Pianisten Andreas Grau und Götz Schumacher: Sie musizieren an zwei Flügeln vis-à-vis und bringen unter anderem Mozarts Sonate D-Dur KV 448 klangschön und in fein austarierter Balance zu Gehör. Sie umschließt zusammen mit der Ouvertüre zur „Zauberflöte“, in der Bearbeitung für zwei Klaviere von Ferruccio Busoni, den Abend als Klammer.

Bei aller Professionalität liegt ein Hauch von Routine über dem Abend. Auch sucht man vergebens nach einem roten Faden: Das Motto „Frei oder nicht frei?“ bleibt als bloße Absichtserklärung folgenlos. Mozart als der Musiker, der nach seinem eigenen Weg sucht und aus der provinziellen Enge Salzburgs in die Freiheit seiner künstlerischen Existenz strebt – Fehlanzeige. Womöglich ist der Abend auch einfach nur zu kurz: Mit Mozarts Schwärmerei für Aloisia Weber endet die Vorstellung – eine Episode, an deren Ende der Komponist gerade einmal 22 Jahre alt ist. Die wichtigen Wiener Jahre bleiben – reichlich durch Briefe belegt – an diesem Abend leider ausgespart.

Von Mathias Körber

Voriger Artikel
Nächster Artikel
NDR2-Soundcheck: Statements von der Open City Stage am Sonntag