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Mutige Interpretationen von jungen Streichern

Alauda Quartet aus London Mutige Interpretationen von jungen Streichern

Normalerweise erklingen im Göttinger Clavier-Salon die historischen Flügel Gerrit Zitterbarts. Ein Konzert eines Streichquartetts war daher eine Premiere für die besondere Spielstätte in der Innenstadt – es konzertierte das an der Londoner Royal Academy of Music angesiedelte Alauda Quartet zum allerersten Mal in Deutschland.

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Alauda Quartet: Cristina Prats-Costa, Milan Bergnic, Rohslyn Lawton, Elena Cappalletti (v.l.).

Quelle: Heller

Sein Programm war dabei effektvoll auf starke musikalische Kontraste heruntergebrochen, seine expressiven Interpretationen setzten diese Ästhetik der Gegensätzlichkeit innerhalb der Werke überzeugend fort.

Dabei ging es mit Joseph Haydns Streichquartett g-Moll op. 74 Nr. 3 noch ganz unschuldig  los. Aufgrund der programmatischen Motivik seiner Ecksätze trägt dieses Werk den überaus treffenden Beinamen „Reiterquartett“. Während sich das Allegro des ersten Satzes vor allem der motivisch-thematischen Arbeit verschreibt, zielt das Largo auf die harmonische Entwicklung ab, die sich in rührender Getragenheit langsam vollzieht.

Cristina Prats-Costas Spiel reflektierte diese verschiedenen Schwerpunkte der Kompositionsarbeit Haydns zwar mit einiger Reife, drückte dem Werk aber löblicherweise – und das lässt sich auch über ihre Mitmusiker behaupten – ihren eigenen Stempel auf. Die jungen Musiker führten das Konzept der Kontraste vor allem in ihrer Ensembleynamik fort, die sie reich an stürmisch-lauten und sehnsüchtig-leisen Gegensätzen gestaltete.

Auch der Schlusssatz mag mit seiner übergangslos aneinandergereihten Dramatik und fast naiven Spielfreude gut zu diesem interpretatorischen Zugang passen. Selten erlebt man, wie eng sich die kompositorische Anlage eines Werks mit seiner Interpretation verflechten lässt. Dem Alauda Quartet ist dies mit Verve gelungen.

Da konnten es sich die vier Musiker auch erlauben, einem Musterbeispiel der Salonmusik der Wiener Klassik ein zeitgenössisches Stück des New Yorker Komponisten John Corigliano entgegen zu stellen. Das Scherzo und Notturno aus dem 1995 erschienenen „Streichquartett“ rufen starke Bilder hervor: Aus einem tonal entrückten Trümmerhaufen erhebt sich bei Corigliano eine liebliche Passage im fast klassischen Gestus, den die Zuschauer wie durch ein staubiges Fenster betrachten können.

Milan Bergnics Violine und Rhoslyn Lawtons Viola sorgten insbesondere in diesem intensiven Moment der musikalischen Rückschau für dramatischen Ausdruck.

Nach der Pause gab es Robert Schumanns Streichquartett in F-Dur op. 41,2 zu hören – eine vortreffliche Wahl. Denn es scheint, als fügten sich in der mutigen Tonsprache Schumanns beide Gegenpole des ersten Konzertteils zusammen. Und Elena Cappalletti schenkte ihrem Publikum am Violoncello exakt gesetzte Synkopen, die das finale Allegro Schumanns beschwingt beschließen.

An diesem Abend passte die Werkauswahl so gut zur technischen Ausführung und den mutigen Interpretationen, dass die im Clavier-Salon normalerweise anzutreffenden Flügelklänge vom Publikum für keine Sekunde vermisst wurden.

Von Jonas Rohde

Das nächste Konzert im Göttinger Clavier-Salon, Stumpfebiel 4, beginnt am Mittwoch, 19. Dezember, um 19.30 Uhr Pianistin Leonie Rettig spielt Werke von Liszt und Brahms.
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