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Regional Schwulsein. Endlich etwas ganz Normales
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15:07 27.06.2018
"Die Wunderübung" läuft in dieser Wochen in den Kinos an. Quelle: Allegro Film
Göttingen

Devid Striesow ist in der Drei-Personen-Komödie „Die Wunderübung“ zu sehen, die in dieser Woche im Kino anläuft. In der Highschool-Romanze „Love, Simon“ ist Schwulsein endlich mal was ganz Normales. „Meine teuflisch gute Freundin“ heißt eine gelungene Teenie-Komödie. Um Flüchtlingsschicksale geht es in „Global Family“.

Duell beim Therapeuten

Was nimmt ein schwer kriselndes Paar in seiner Umgebung wahr, wenn es sich endlich zur Paarberatung durchgerungen hat? Genau: glückliche Paare überall – knutschende Teenager, sich selig anlächelnde Liebende, weißhaarige Alte, die sich nach einem langen und vermutlich gar nicht einfachen gemeinsamen Leben immer noch sanft über die Wangen streicheln.

Joana (Aglaia Szyszkowitz) und Valentin (Devid Striesow) dagegen schaffen es nicht einmal, nebeneinander in der U-Bahn Platz zu nehmen. Auf dem Weg zum Therapeuten hockt jeder isoliert in seiner Ecke. Auf dem Bürgersteig läuft er mit einigen Metern Abstand hinter ihr her. Valentin könnte genauso ein Stalker wie ein unbekannter Nachbar von Joana sein, als sie endlich gemeinsam vor den Klingelschildern eines Altbaus stehen.

Dort haut er ihr allerdings bei der Suche nach dem richtigen Knopf auf den Finger, die beiden scheinen sich also zu kennen. Dann nimmt er den Fahrstuhl, sie die Treppe. Regisseur Michael Kreihsl lässt das Publikum in den ersten Minuten seiner Komödie „Die Wunderübung“ geschickt im Unklaren, ob und in welcher Beziehung die beiden Hauptfiguren zueinander stehen.

Man darf diesen Zustand der Ruhe genießen, der für Joana und Valentin eine letzte Verschnaufpause vor dem Sturm bedeutet. Denn sobald sie beim Therapeuten (Erwin Steinhauer) den Mund auftun, schütten sie Gift und Galle über den anderen aus. Die ganzen Verbitterungen und Verletzungen nach 17-jähriger Ehe müssen raus. Wer hat wen allein gelassen mit den beiden Kindern? Wer hatte wann eine Affäre? Und wer ist schuld, dass sie sich auseinandergelebt und nun nichts mehr zu sagen haben?

Vor dem (namenlosen) Therapeuten hocken sie auf ihren Stühlen, als wäre dies hier bereits der Scheidungstermin, und nur die Unterhaltszahlungen müssten noch geregelt werden. Der Raum zwischen ihnen scheint kaum mehr überbrückbar. Mühsam erinnern sie sich selbst daran, wie das war, als sie sich im Tauchurlaub kennen- und lieben lernten – und schon damals besser unter als über Wasser harmonierten.

Schon wenn sie ihre Wasserflasche an die Lippen setzt, bringt ihn das zur Weißglut. Und wenn er nur den Mund öffnet, fährt sie ihm in die Parade. Allein der kauzige Paarberater in seiner roten Jacke und den rot karierten Socken bewahrt die Ruhe und verhindert mit seiner jovialen Art eine weitere Eskalation.

Zwischendurch kaut der Therapeut Bonbons und schlabbert heimlich seinen Joghurt, wenn er die beiden gerade mal mit geschlossenen Augen eine Übung machen lässt. Der Experte sucht das Gemeinsame, „das Licht, nicht den Schatten“. Nur dass davon beim besten Willen kaum etwas zu entdecken ist – und auch er das so sieht, wie sich viel später herausstellt.

Beeindruckt ist der Therapeut immerhin von dem Schlagabtausch in Ping-Pong-Manier, der sich vor seinen Augen entfaltet. Als „polemisch-lebendige Streitkultur auf hohem Niveau“ beschreibt er das Rededuell. Das ist vielleicht ein bisschen zu viel des Guten: Für einen abendfüllenden Film verläuft diese Konfrontation zu gleichförmig, der andauernde Attacke-Modus dröhnt in den Ohren wie ein im Leerlauf hochgedrehter Motor. Auch ein Kasperle-Rollenspiel, eingestreut als kleines Intermezzo, bietet nur bedingt Abwechslung.

Erinnerungen an Roman Polanskis Zimmerschlacht „Der Gott des Gemetzels“ nach dem Bühnenstück der französischen Dramatikerin Yasmina Reza werden bei dieser Versuchsanordnung beinahe unweigerlich wach. Doch kann die Theatervorlage von Daniel Glattauer nicht wirklich mithalten.

Wo Polanski einen Dialog voller böser Pointen abbrennen kann, da er die bessere Vorlage hat, zischt es bei Kreihsl nur. Der Witz beim „Gemetzel“ besteht ja gerade darin, dass vier gut situierte Mittelschichtler allmählich die Kontrolle über sich selbst verlieren. Hier aber ist immer die Scheu zu spüren, das Geschehen ins Absurde zu treiben – das liegt zuerst an der Vorlage, die den Schauspielern wenig Chancen bietet, tiefer zu dringen.

Diese „Wunderübung“ ist aufs Boulevardeske ausgerichtet. Auf der Bühne mag das funktionieren, wenn die Zuschauer sich in stillem Einverständnis mit ihr oder mit ihm auf die Schenkel klopfen und das Gebotene mit Erfahrungen aus dem eigenen Leben abgleichen. Auf der Leinwand wäre mehr Unerbittlichkeit wünschenswert gewesen.

Die Schärfe wird in der zweiten Hälfte noch weiter herausgefiltert: Der Therapeut erhält in der Sitzungspause eine E-Mail zugeschickt – und plötzlich verkehren sich die eben noch so eindeutigen Fronten. Die finale Pointe ist dann nicht ganz so überraschend, wie es Regisseur und Autor vielleicht glauben. Eines immerhin ist klar: Finden Eheleute eine gemeinsame Aufgabe, besteht auch für schwierige Fälle Hoffnung.

„Die Wunderübung“, Regie: Michael Kreihsl, mit Devid Striesow, Aglaia Szyszkowitz, 92 Minuten, FSK 6

Reingeschaut: Turbulente Filmehen

„Es ist meine Erfahrung, dass die Ehe nicht glücklicher macht“, schrieb die Malerin Paula Modersohn-Becker 1902 – nach nur einem Jahr Ehe mit dem Malerkollegen Otto Modersohn. „Sie nimmt die Illusion, die vorher das ganze Wesen trug, dass es eine Schwesterseele gäbe.“

Das Problem Ehe hat im Kino filmische Glanzpaare hervorgebracht. In Alfred Hitchcocks „Mr & Mrs Smith“ (1941) stellen Robert Montgomery und Carole Lombard nach immerhin drei Jahren fest, dass ihre Ehe gesetzlich ungültig ist. Mrs. Smith beschließt unerwartet, sich den zweiten Gang vor den Altar zu sparen und setzt den Gatten vor die Tür. Screwball! Thriller-Hitch war auch komisch gut – so gut, dass sein Filmtitel noch einmal Verwendung fand (s. u.).

Ernst und filigran inszenierte Ingmar Bergman 1973 seine „Szenen einer Ehe“. In TV-Serie und Spielfilm zeigt der Regisseur, dass das Scheitern einer Ehe nicht das Ende der Liebe bedeuten muss. Liv Ullmann und Erland Josephson spielen sich dem Zuschauer unter die Haut.

Danny DeVito schickte Michael Douglas und Kathleen Turner 1989 in den „Rosenkrieg“ einer Scheidung. Mr. und Mrs. Rose können sich nicht einigen, wer das Haus kriegt, also wird es zerstört, bis die ehelichen Kombattanten mit dem Kronleuchter abstürzen. Schwärzer geht Komödie nicht. In Doug Limans „Mr. & Mrs. Smith“ (2005) sind die liebenden Eheleute (Brad Pitt und Angelina Jolie) insgeheim zwei Auftragskiller. Als sie auf dasselbe Ziel angesetzt werden, bekämpfen sie sich wüst, bis sie feststellen, dass die Liebe stärker ist. Pitt und Jolie wurden nach dem Film ein Paar. Geheiratet wurde 2014, geschieden 2016. big

„Love, Simon“

„Ich bin wie ihr“, sagt Simon gleich zu Beginn. Und genauso wie der Jugendliche sein ganz normales, weißes Mittelklasseleben vorführt, erzählt auch Greg Berlantis „Love, Simon“ seine Geschichte im konventionellen Format eines Highschool-Movies. Doch gerade das ist das Besondere – denn Simon hat ein Geheimnis, das normalerweise nicht in diesem Genre verhandelt wird: Er ist schwul, und davon wissen weder seine Eltern noch seine Freunde.

Mit dem vorjährigen Oscar-Gewinner „Moonlight“ und dem diesjährigen Nominierten „Call Me By Your Name“ haben es zwei Filme ins Bewusstsein der Weltkinogemeinde geschafft, die schwules Leben nicht mehr nur im Nischenformat für die eigene Community, sondern mit gelassener Selbstverständlichkeit vor einem breiteren Publikum verhandeln. „Love, Simon“ geht noch einen Schritt weiter auf den Mainstream zu und gilt als erste Studioproduktion, die sich mit dem Thema „Coming Out“ beschäftigt.

Das Gute daran ist, dass sich „Love, Simon“ gar nicht wie ein Themenfilm anfühlt. Mit herzerfrischender Konventionalität bedient Berlanti die Gesetze eines amerikanischen Teenie-Films, in dem das Leben an der Highschool zum sozialen Mikrokosmos ausgebaut wird. Simon (Nick Robinson) führt mit seinen Freundinnen und Freunden eine gut integrierte Existenz. Als sich ein anonymer Mitschüler im innerschulischen Chatroom als schwul outet, hat Simon endlich jemanden, mit dem er sich über seine Gefühle austauschen kann.

Im geschützten digitalen Raum kommen sich die beiden zunehmend näher, aber der Sprung von der Online-Seelenverwandtschaft ins echte Liebesleben will ihnen nicht gelingen. Zu groß ist die Angst vor ablehnenden Reaktionen.

Aber dann gelangt ein Mitschüler an die E-Mails und versucht, Simon zu erpressen. Simon soll den Unsympathen mit einer Freundin verkuppeln, sonst droht das unfreiwillige „Outing“. Und so setzt Simon seine alten Freundschaften aus Angst aufs Spiel. Daraus entspinnen sich Verwicklungen shakespeareschen Ausmaßes.

In den Entscheidungsgremien von Hollywoodstudios sitzen Leute, die die Toleranzbereitschaft ihres Publikums lieber unterschätzen, als wegen eines vermeintlichen Tabubruches weniger Tickets zu verkaufen. Ein Film wie „Love, Simon“, der aus dem Liebesleben eines schwulen Jugendlichen im Multiplex-Format erzählt, war lange überfällig. An der Kulisse der heilen Mittelklassewelt wird nicht gekratzt, um das Publikum nicht noch mit weiteren Widersprüchen zu belasten.

Doch gelingt es dem Film mit Witz, Charme und Romantik, seine Liebesgeschichte universell zugänglich zu machen. Die Geschichte wirkt angenehm unangestrengt. Das kitschige Happy End im Riesenrad und das solide US-Einspielergebnis von fast 60 Millionen Dollar hat sich „Love, Simon“ redlich verdient.

„Love, Simon“, Regie: Greg Berlanti, mit Nick Robinson, Jennifer Garner, 110 Minuten, FSK 0

„Meine teuflisch gute Freundin“

Der Teufel hat seine Zentrale in einem Hochhaus in Frankfurt am Main. Von dort sorgt er für die Verschmutzung der Meere und die Erwärmung des Klimas. Wie Samuel Finzi ihn spielt, könnte er auch der Chef eines global operierenden Unternehmens sein. Um Satan geht es indes nicht in „Meine teuflisch gute Freundin“ sondern um die Teenager-Tochter des Teufels.

Lilith (Emma Bading) möchte ihre unheilstiftenden Fähigkeiten endlich ausprobieren. Der Papa meint, dafür sei sie noch nicht alt genug, lässt sich aber auf einen faustischen Pakt ein. Lilith soll einen guten Menschen binnen einer Woche zum Bösen bekehren – anderenfalls droht ihr höllische Langeweile im Aktenkeller.

So schleust sich Lilith als Gastschülerin bei einer Öko-Familie ein – und macht sich mit diabolischer Freude an ihr Werk. Allerdings erweist sich die von Papa als Zielperson ausgewählte Greta (Janina Fautz) als harter Brocken.

Regisseur Marco Petry („Doktorspiele“) überzeichnet seine Charaktere zwar, hat aber ein feines Gefühl fürs Timing. Nachwuchs-Actrice Emma Bading liefert eine starke Vorstellung ab.

„Meine teuflisch gute Freundin“, Regie: Marco Petry, mit Emma Bading, Janina Fautz, 99 Minuten, FSK 6

„Global Family“

Somalia, eine Region, aus der die Menschen fliehen: Seit 1989 tobt dort ein Bürgerkrieg.Auch die Familie Shaash verließ ihre Heimat vor Jahrzehnten, drei Söhne leben verstreut in Kanada, Italien und Deutschland, der vierte blieb bei der 88jährigen Mutter Imra in Äthiopien. Die Filmemacher begleiteten die Familie über mehrere Jahre hinweg, konzentrierten sich auf Captain Shaasch, einst Kapitän der somalischen Fußballmannschaft, der mit seiner Tochter Jasmin in Deutschland Zuflucht fand, wo auch ihre Kinder geboren wurden.

Während der Vater mit seinem Schicksal hadert, fühlt sich die Frau, die als Dreijährige in die Fremde kam, hier zu Hause. Über die Ländergrenzen hinweg stehen die Brüder in Verbindung. Als die Familienälteste ihr Exil in Äthiopien verlassen muss, suchen sie nach einer Lösung.

Es geht um den Kampf um den Erhalt einer Familie und um die Frage, wer ist verantwortlich für die Mutter in Addis Abeba. Bei ihrem Besuch fühlen sich die „deutschen“ Somalier nicht mehr wohl in Afrika, vor allem den Kindern graut vor den sanitären Verhältnissen. Auch die Brüder geraten aneinander. Und Imra will sich nicht nach Europa verpflanzen lassen, sondern zurück nach Mogdischu.

Die Geschichte dieser Flüchtlinge steht stellvertretend für das Schicksal vieler, die sich in der neuen Heimat Herausforderungen stellen und ihre kulturelle Identität neu definieren müssen. Neben der couragierten Jasmin sind es die Kinder, die Hoffnung geben. Eine Generation, die Lernen selbstverständlich findet und begeistert am ersten Schultag für ein Foto mit bunter Schultüte posiert. Zur Freude ihrer Mutter, die feststellt: „Deutschland ist meine Heimat“.

„Global Family“, Regie: Melanie Andernach, Andreas Köhler, 86 Minuten, FSK 0

Von Stefan Stosch, Martin Schwickert, Jörg Brandes und Margret Köhler

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