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Regional Musiktheaterstück handelt von Flucht in Zeiten nach der Krise
Nachrichten Kultur Regional Musiktheaterstück handelt von Flucht in Zeiten nach der Krise
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15:53 04.02.2018
Szene aus „On Air“ der neuen Produktion des Boat People Projekts. Quelle: Haneef Shareef
Göttingen

„Sind Sie auch Syrer?“, fragt Luigi (Andreas Klumpf), deutschstämmig mit Wurzeln in Italien. „Ich habe eine Aufenthaltsgenehmigung!“, betont Adorno (Balen Abbas, seit 2015 in Deutschland). In 90 Minuten demonstrieren die Schauspieler dem Publikum überzeugend, wie schwer es für einen Geflüchteten ist, sich in einem fremden Land willkommen zu fühlen und ebenso, wie leicht man sich ungewollt im Ton vergreifen kann. Durch Situationen, die aus dem Alltag gegriffen sind, fühlt sich wohl jeder im Publikum das ein oder andere Mal angesprochen und überdenkt vielleicht sein Verhalten.

Den rund 90 Zuschauern zeigt sich ein Vorraum des lokalen Radiosenders „Coffee-Clash“. Das minimalistische Bühnenkonzept (Bühnen- und Kostümbild: Sonja Elena Schroeder), das nur aus einem Sofa, einer Kommode und der Radiozentrale besteht, legt den Fokus komplett auf die Protagonisten und ihre Handlungen und Reaktionen. Selbst die sechsköpfige Live-Band unter der Leitung von Hans Kaul spielt, für den Zuschauer nicht einsehbar, hinter Vorhängen.

Szene aus On Air mit Balen Abbas (links) und Andreas Klumpf. Quelle: Haneef Shareef

Die Chefinnen des Radiosenders, Frau Farang (“typisch deutsch“: Franziska Aeschlimann) und Frau Raschauer (Grace Pyone Pernar), haben den legendären Abdullah Abdullah (spielt sich selbst: Abdullah Ghbash), einstmals Star-Moderator in Syrien, für die Moderation ihrer multikulturellen Radiosendung gewonnen. Seine Studio-Gäste Majid Merizadi (Sajjad Torabi), Luigi und Adorno sind Lebenskünstler, die etwas über Deutschland im Jahr X nach der „Flüchtlingskrise“ erzählen sollen, es aber vorziehen, statt zu reden mit Gesang auf Sendung zu gehen.

Informationen über jeden Darsteller

Größtenteils machen die Protagonisten den Eindruck, als würden sie gar nicht schauspielern, sondern ihre eigene Situation wiedergeben. Dieser Eindruck ist zumindest zum Teil nicht unbegründet, mussten doch Sajjad Torabi, Abdallah Ghbash und Balen Abbas aus ihrem Heimatland fliehen. Auf einem Flyer, der zum Stück verteilt wird, können die Zuschauer über jedes Mitglied des Projektes Genaueres erfahren.

Mittels starker akustischer Effekte, die heftige Windböen simulieren, wird die verwirrende und beengende Stimmung deutlich. Die Protagonisten versuchen die Quelle des Windes zu lokalisieren und scheinen sie kurzweilig bei einem weiteren Gast der Radiosendung, Majid Merizadi, zu finden.

Suche nach der Ursache des Windes

„Etwas liegt in der Luft! Irgendwo ist eine undichte Stelle, wir wissen nur noch nicht wo“, ruft Frau Farang. Das Publikum reagiert bei der chaotischen, beinahe verzweifelten Suche nach der Ursache des Windes vereinzelt mit Lachern. Die widersprüchliche Verbindung von komödiantischen Elementen mit dem schwer fassbaren Thema Flucht und Migration, gelingt Regisseurin Luise Rist, die das Stück auch geschrieben hat, in vollem Umfang.

Abdullah erklärt auf Arabisch, von Frau Farang übersetzt: „Bei uns ist die Familie unser Kalender.“ Man sei immer zuerst der Familie verpflichtet. Generell plane man den Tag nicht so diszipliniert, wie es die Deutschen gerne machen. Das ergebe sich auch aus den gegebenen Bedingungen: „Der Stromausfall ist etwas, auf das man sich verlassen kann in Syrien.“ Die Lacher des Publikums über die Lebensweise der Syrer, zeigen auch gleichzeitig die Schwierigkeiten auf, die geflüchtete Personen in Deutschland haben werden. Zwei Kulturen prallen aufeinander.

Sichtweisen sind nachvollziehbar

Das Stück des Boat People Projekts zeigt die Ergebnisse der „Flüchtlingswelle“ aus den Perspektiven der Neuankömmlinge und der Deutschen auf eine Weise, die zum Mitfühlen anregt. Beide Sichtweisen sind nahvollziehbar und es wird im Laufe des Stückes klar, dass sich niemand verändern muss, man muss sich nur kennenlernen.

Die nächste Vorstellung beginnt am Freitag, 9. Februar, um 19.30 Uhr im Theater im ehemaligen IWF, Nonnenstieg 72, in Göttingen.

Boat People Projekt bei 17. Kunst-Gala

Das Boat People Projekt ist mit Songs seiner neusten Produktion auch bei der 17. Göttinger Kunst-Gala am Sonntag, 11. Februar, in der Göttinger Stadthalle dabei. Ab 18 Uhr werden insgesamt weit über 120 Künstler aus zahlreichen Göttinger Kultur-Einrichtungen auftreten. Die Gala besteht aus einem zweiteiligen Programm auf der großen Bühne, während in der Pause auf vier Bühnen Musik unterschiedlicher Stilrichtungen gespielt wird. Karten sind im Vorverkauf unter anderem in den GT/ET-Ticketshops an der Weender Straße 44 in Göttingen und an der Marktstraße 9 in Duderstadt erhältlich.

Von Lisa Hausmann

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