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„Nichts von Bedeutung, werte Frau Direktor“

Max Raabe in der Stadthalle „Nichts von Bedeutung, werte Frau Direktor“

In einen Tanzsaal der zwanziger Jahre fühlen sich die Besucher der Göttinger Stadthalle versetzt: Sänger Max Raabe gastiert mit seinem Palastorchester vor nahezu ausverkauftem Haus. Mit längst vergessen geglaubten Schlagern aus den Jahren 1928 bis 1935 reißen Raabe und seine Musiker das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin.

Beitrag in GT-TV.

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Keine Gestik, sparsame Mimik: der Sänger Max Raabe.

Quelle: Heller

Ein wenig traurig und verloren wirkt Raabe, wenn er im Frack, mit hängenden Schultern, die Hände dicht an der Hosennaht, vorn am Bühnenrand steht. Von Gestik kaum eine Spur, die Mimik sparsam, bis auf das sorgsam einstudierte Spiel mit der linken Augenbraue. Schelmisch blitzen seine Augen höchstens bei den eingestreuten Bonmots und artig zweideutigen Ansagen, denn Raabe ist sein eigener Conférencier. Mit einem Hauch von Melancholie besingt er die unerfüllte Liebe zu „Marie, am Fenster vis-á-vis“. Raabe, staatlich geprüfter Opernsänger, ist stimmlich bestens disponiert und bewegt sich mühelos durch unterschiedliche Tonlagen. Mal schnarrt er metallisch scharf, mal schmeichelt er guttural den Gehörgängen oder näselt, dass es eine Freude ist. Jeder Ton sitzt.

Der Wahl-Berliner kann sich auf das hochkarätig besetzte, zwölfköpfige Palastorchester in seinem Rücken blind verlassen. Hier paaren sich musikalische Höchstleistung, Spielfreude und langjährige Bühnenerfahrung zu einem musikalischen Genuss ganz besonderer Art.
Die Musiker um die charmante Violinistin Cecilia Crisafulli sind durchweg Multiinstrumentalisten. Eben noch am samten murmelnden Saxofon, bilden die vier Frontbläser gleich darauf ein quirliges Klarinetten-Quartett. Blechbläser, der Gitarrist, der Bassist und die Holzbläser begleiten Raabe gleich mehrfach auf Violine und Bratsche oder auch im Gesangspart. Obwohl die bis ins kleinste Detail durchchoreografierte Show keinen Platz für Improvisationen lässt, bleibt jedem Musiker Raum für beeindruckende Einzelleistungen, und das aufmerksame Publikum quittiert jedes Solo mit spontanem Beifall.

Raabe hat die alten Schmachtfetzen und Gassenhauer gründlich entstaubt und neu arrangiert. So wird aus dem Tango schon mal ein Foxtrott oder eine Bigband-Version zum Tanzorchester-Arrangement umgeschrieben, wie „Singin’ in the rain“. „Wenn die Elisabeth …“ erklingt mit einer Tanzband unter Volldampf, das von Raabe Rührstück genannte „Avalon“ explodiert förmlich in „heißer Orchesterbearbeitung“. Der Sänger und seine Mitmusiker ziehen einen Knaller nach dem anderen aus dem Hut. Die Besucher leiden lachend mit der „werten Frau Direktor“, die während „Nichts von Bedeutung“ nach und nach die heimische Katastrophe erfährt. Bravorufe branden beim Glöckchenkonzert aller Musiker zu „Dort tanzt Lulu“ auf. Doch gerade als die Publikumseuphorie ihren Höhepunkt erreicht, endet das Konzert abrupt nach gut 90 Minuten. Da helfen auch die vom Veranstalter überreichten Rosen nichts. Raabe singt: „War’n Sie schon mal verliebt in mich“? Sicher eine rhetorische Frage, denn heute sind es wohl alle.

Christoph Mischke

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