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Regional Weihnukka, das jiddische Weihnachtsfest
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11:59 26.11.2017
Jiddische Weihnacht im alten Rathaus. Nirit Sommerfeld, Martin Umbach & Orchster Shlomo Geistreich zu Gast in Göttingen. Quelle: Arne Bänsch
Göttingen

„Grausend abgewandt“ habe sie sich 2009 von Israel, wo sie 1961 zur Welt gekommen sei, erklärte Sommerfeld vor 180 Zuhörern. In ihrer Heimat gelte die Demokratie nur für den jüdischen Teil der Bevölkerung. Die Palästinenser im Westjordanland und im Gazastreifen lebten unter „menschenunwürdigen Bedingungen“. „Lasst Euch nicht einreden, dass die Kritik an Israels Besatzungspolitik Antisemitismus ist“, erklärte sie unter Applaus. Der Erlös der von Professor Jens Hildebrand organisierten Veranstaltung war für den Verein „Bündnis zur Beendigung der israelischen Besatzung“ bestimmt.

Konfrontation mit dem Horror des Holocausts

Bevor Sommerfeld so klar Stellung bezog, konfrontierte sie ihr Publikum mit dem Horror des Holocausts. Ein assimilierter deutscher Jude sei ihr später von den Nazis erhängter Großvater gewesen, berichtete sie. Sprecher Martin Umbach, der sonst Schauspieler wie George Clooney oder Jeff Goldblum synchronisiert, gab dem Großvater eine Stimme. Der „hoch dekorierte“ Soldat des Ersten Weltkriegs habe es in Chemnitz als Tuchhändler zu Wohlstand gebracht.

Wie bei vielen anderen assimilierten deutschen Juden sei in der Familie das Brauchtum des jüdischen Lichterfests Chanukka mit dem „deutschen Volksfest“ Weihnachten verschmolzen. Zu Chanuuka, erläuterte Umbach, gedächten Juden des Ölwunders, das sich 164 vor Christus bei der Wiedereinweihung des von den heidnischen Seleukiden geschändeten Tempels in Jerusalem ereignet haben solle. Ein kleines Fläschchen Öl habe habe acht Tage lang gereicht, um den Tempellleuchter brennen zu lassen.

Wie Antisemiten die assimilierten deutschen Juden ausgrenzten, ihres Besitzes beraubten und am Ende ermordeten, darum ging es während der ersten Hälfte des Abends in einer Reihe von bedrückenden Geschichten. So „verlädt“ in Friedrich Hoffmanns Erzählung vom „Jesuskind von Ostrovice“ ein „Säuberungskommando“ während des Zweiten Weltkriegs zur Weihnachtszeit die totgeweihten Bewohner eines jüdischen Dorfs. Als beim letzten Rundgang durch den nun leeren Ort ein Kleinkind auf die Deutschen zukrabbelt und getötet werden soll, verliert einer der Täter den Verstand, will das „Jesuskind“ retten und wird am Ende selbst erschossen.

Mit feurigem Temperament

Die tiefe Traurigkeit, die diese Geschichten erzeugten, klang in der melancholichen Klezmer-Musik des Orchesters Shlomo Geistreich nach. Während des zweiten Teil des Abends brach sich dann in der Musik wild und kraftvoll Lebensfreude Bahn. Mit feurigem Temperament und den Schellenkranz schlagend sang Sommerfeld. Leidenschaftlich warb die Künstlerin nun für die „Vereinigten Staaten der Religionen“, bei denen Feste – ähnlich wie beim chrislich-jüdischen „Weihnukka“ – nicht zum Errichten von „Mauern der Unbrüderlichkeit“ dienten. Menschen sprächen viel von Wurzeln, sie spräche lieber von Flügeln zitierte sie Tereska Torres Levin.

Von Michael Caspar

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