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Orientbilder im Barock: Kunst oder Klischee?

Sextett „Les Esprits Animaux“ Orientbilder im Barock: Kunst oder Klischee?

Die Göttinger Reihe Historischer Musik wird als ein Kulturereignis der besonderen Art gehandelt, was viele Gründe hat. Zunächst verkürzt sie die Wartezeit auf die kommenden Händel-Festspiele, ohne sich dabei wie ein Pausenfüller anzufühlen. Sicherlich ist es auch immer ein besonderes Erlebnis, die edle, doch irgendwie sterile Verkaufshalle von Mercedes-Benz mit Musik erfüllt zu erleben.

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Bitte genau hinschauen: Ein Instrument passt nicht ins Bild, dafür allerdings vortrefflich zur Musik.

Quelle: Theodoro da Silva

Vor allem aber bietet sie einen etwas informelleren Rahmen, um musikalische Experimente zu wagen – was die junge Formation „Les Esprits Animaux“ auch mit sichtlichem Schalk im Nacken auskostete. Dabei hatten die sechs jungen Musiker, die von drei Kontinenten stammen, als erste Gäste der Reihe, die ein Nachwuchswettbewerb ist, kein leichtes Los. Da ist es gut, dass sie sich durch eine reizvolle wie nachdenklich stimmende Programmkonzeption, musikalischer Raffinesse und unprätentiöser Spielfreude bestimmt in das Herz der Juroren konzertiert haben dürften.

Der Abend war, passend zum Leitthema der kommenden Festspiele, mit „Turcaria – Europäisch-musikalische Bilder des Orient im Barock“ überschrieben. Das lässt, mit einigem Unbehagen, an das selbstgerechte und exotistische Weltbild denken, das weite Teile der abendländischen Kunstmusik informiert hat und vielleicht immer noch zu ihrem Selbstverständnis gehört. Schon bei Johann Josef Fux’ musikalischer Beschreibung der Belagerung Wiens durch die Türken anno 1683 tönen barocke Türkenklischees in Harmonisch-Moll, die von Francisco Javier Lupiáñez Ruiz an der Violine ausdrucksstark umgesetzt wurden.

Mit einer vom Ensemble selbst zusammengestellten Suite aus musikalischen Fremdbeschreibungen von barocken Größen wie Jean-Baptiste Lully, Georg Philipp Telemann und Jean-Philippe Rameau ging es in gleicher Manier weiter, das Ensemble zuweilen etwas stürmisch, aber nie unkontrolliert. Elodie Virot kann wundervoll Traversflöte spielen, selten hört man so weiche und verspielt-umschmeichelnde Triller wie in Joseph-Nicolas-Pancrace Royers „La Zaïde“, die sich eng um die zurückgenommen-präzisen Stimmen der Violine David Alonso Molinas und der Viola Sun Los rankt. Ein besonderes Lob gebührt jedoch Roberto Alonso Álvarez, dessen Violoncello dem Gesamtklang der Gruppe ein ungewohnt verspieltes Fundament verschaffte. Patrícia Vintém am Cembalo lieferte zusätzlich eine willkommene Erweiterung der Klangfarbe.

So weit, so barock. Was dem Abend aber eine ganz neue Dimension verlieh, war die Entscheidung des Ensembles, eine Suite aus orientalischer Musik zu konzertieren, die von europäischen Komponisten transkribiert wurde. Sehr zum Erstaunen des Publikums griff Álvarez unvermittelt zu einer mit Schellen besetzten Rahmentrommel und bewies eindrucksvoll, dass er auch additiven Rhythmen gewachsen ist – was nicht viele klassisch konditionierte Musiker von sich behaupten können.

Natürlich wurde trotz der völlig veränderten Tonalität gleichzeitig deutlich, dass es den „Transkriptionen“, die vielleicht besser Bearbeitungen genannt werden sollten, an einem wirklichen Verständnis des Tonsystems der türkischen Kunstmusik mangelt – was angesichts der angesprochenen Problematik der Themenwahl letztlich wieder versöhnlich stimmt. „Les Esprits Animaux“ schien dies verdeutlichen zu wollen, in dem sie doch tatsächlich Dave Brubecks „Blue rondo a la Turk“ an das reguläre Ende ihres Programms setzten.

Vintém spielte das berühmte Eingangsmotiv souverän, Álvarez ließ seine Viertelnoten swingen und Ruiz improvisierte dazu in viertaktigem Wechsel. Und das alles mit einer Selbstverständlichkeit, die keine musikalischen Grenzen mehr kennt.

Von Jonas Rohde

Das Ensemble „Concerto +14“ setzt die Göttinger Reihe Historischer Musik am Donnerstag, 6. Dezember, um 20 Uhr fort.
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