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Poesie aus eintausend Subjektivitäten

„Koloß im Nebel“ Poesie aus eintausend Subjektivitäten

Ich habe ein neurotisches Verhältnis zu den Anfängen“, sagt Durs Grünbein im Deutschen Theater anlässlich seiner Lesung aus seinem neuen Buch „Koloß im Nebel“.

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Mit erstem Gedichtband seit vier Jahren: Durs Grünbein.

Quelle: Vetter

Göttingen. Archäologie und Bewusstseinsarchäologie fielen für ihn bisweilen in eins, die „eintausend Subjektivitäten in der Poesie“ seien ein Beitrag zur Subjektgeschichte.

Er liest aus seinem Gedichtband, dessen Titelgedicht sich aus zwei bis drei Zufällen in größeren Abständen zum Erlebniskern zusammengefügt habe. Ausgangspunkt war eine Schiffsreise durch die Inselwelt der Ägäis. Ohne pathetisch klingen zu wollen, meint der Büchner-Preisträger von 1995, der Funkenschlag, der sich aus Zwanglosem ergebe, erfolge immer unter offenem Himmel, weil das Gedicht „einen Ort im Kosmos“ finden müsse.

Nach dem Lesen von vier Gedichten aus dem ersten der sieben Teile des Buches hält Grünbein inne um darauf hinzuweisen, dass es sich um eine hochverdichtete, synoptische Wahrnehmung des Alltags der Zivilisation handele, die eigentlich nicht nur einmal gelesen werden solle. Im neuen Band erkenne man verschiedene Gedichtmodelle, leicht erschließbare und eben auch dichter verschlossene.

Der Kern basiere immer auf Musikalität, ein Metrum sei zu finden, oftmals auch ein Reim, der stehe nur nicht mehr so im Vordergrund.  Ein Gedichtband entspreche einem Album in der Musik, die Gedichte Interieur mit Eule I und II beginnen und beschließen den Koloss, Grünbeins erster reiner Gedichtband seit vier Jahren.

Die Eule sei eines der Symbole, das ihn lange begleitete, so der Lyriker und verwehrt sich damit gegen allzu direkte Parallelen zur Eurokrise.

NDR-Kulturredakteur und Moderator Joachim Dicks verwebt in einer gelungenen Dramaturgie Gespräch und Gedichte miteinander. Er findet Erinnerungen, Skizzen für ein Selbstbildnis, Malerei, das Meer, Reisen nach Istanbul, Rom und anderes in den Gedichten. Die Zuhörer erfahren dabei Neues über Dichter, seine Einschätzungen und Arbeitsweise und hören durch den schönen Vortrag Grünbeins – die Subjektivität im Vordergrund – den Nebel sich aufklaren, gewärmt wie sein „Astronaut im Oktober“.

Durs Grünbein: „Koloß im Nebel“, Suhrkamp, 228 Seiten, 25 Euro.

Von Tina Lüers

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