Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 5 ° Regen

Navigation:
Poetikvorlesung mit Felicitas Hoppe

Literarisches Zentrum Poetikvorlesung mit Felicitas Hoppe

Jungfrau, Kriegerin, Heilige und auf dem Scheiterhaufen verbrannt – die katholischen Bauerntochter Johanna von Orleans (1412 bis 1431), die eines Tages Stimmen hörte und sich berufen fühlte, Frankreich von den Engländern zu befreien, faszinierte immer schon die Schriftsteller. Deshalb ist sie das Thema des ersten Teils der Poetikvorlesung, die dieses Jahr von der Berliner Autorin Felicitas Hoppe gehalten wurde. 2006 veröffentlichte sie den Roman „Johanna“.

Voriger Artikel
Kabarettist zu Gast in Göttingen
Nächster Artikel
Dunst und aufstiebende Feuchtigkeit

Hat einen Roman über Johanna von Orleans geschrieben: Felicitas Hoppe.

Quelle: Theodoro da Silva

Unter dem Titel „Abenteuer – was ist das?“ dreht sich alles um das Mittelalter am Beispiel zweier besondere Gestalten: Iwein, Ritter an König Artus Tafelrunde, und eben Johanna. Organisiert wird die Vorlesung vom Seminar für deutsche Philologie der Universität Göttingen und dem Literarischen Zentrum Göttingen.

„Sie passte nie – es sei denn, man nimmt von ihr, was man braucht“, urteilt Hoppe über die literarische Verwertung der Heiligen. Grade bei Johanna von Orleans gebe es den Konflikt zwischen des „res facta“, den tatsächlichen Begebenheiten, und des „res ficta“, dem Erdichteten. So entwickle sich die Person in Friedrich Schillers Drama „Die Jungfrau von Orleans“ (1801) zu einer Liebenden und stirbt auch nicht auf dem Scheiterhaufen, sondern durch ihr eigenes Schwert. Hoppe erklärt Schillers freien Umgang mit der Stoff als Zugeständnis an die Zeit der Klassik. Denn mit seinen Änderungen konnten sich die Zuschauer mit den Schicksalen in der romantischen Tragödie identifizieren.

Der irische Autor George Bernard Shaw habe ebenso seine Schwierigkeiten mit dem Stoff gehabt, so Hoppe. Für „Die heilige Johanna“ erhielt er 1925 zwar den Nobelpreis für Literatur, scheitert in seiner „dramatischen Chronik“ jedoch an der Figur, meint Hoppe, da er vor ihr „auf die Knie fällt“. Die wirkliche Johanna war „katholischer als ihm lieb war und nicht der bodenständige Kumpeltyp, den er entwirft“.

Gefahr der Aktualisierung

Bertolt Brecht parodiere in „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ (1929) einerseits Schiller. Andererseits instrumentalisiere er die Person auch, um sie ideologisch nutzbar zu machen. Hier sieht Hoppe auch eine Gefahr der Aktualisierung von historischen Stoffen: Geschichte wird geschrumpf. Zudem mache eine Aktualisierung „jeden Stoff älter“, da das heute Aktuelle ein paar Jahren schon wieder alt sei.

„Ein spannendes Leben macht noch keinen spannenden Roman“, stellt Hoppe fest. Daher sei der Umgang des Schriftstellers mit historischen Personen heikel. Denn „was fängt ein Schriftsteller mit einer Figur an, von der er weiß, dass sie ohne ihn zurecht kommt?“ Hoppe selbst wollte sich in ihrem Roman nicht in die Kostüme der Vergangenheit hüllen und ihre Johanna nicht in die der Gegenwart. Deshalb habe sie beschlossen, Johanna nicht selbst auftreten zu lassen, sondern Protagonisten über die abwesende Person reden zu lassen. „Neu ist das nicht,“ gibt sie zu. Doch befreie sie so die Figur aus dem Drama.

Von Corinna Berghahn

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Regional
NDR2-Soundcheck: Statements von der Open City Stage am Sonntag