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Über Grausamkeit und die offene Zukunft

Schweizer Autor Lukas Bärfuss in der Universitätsaula Über Grausamkeit und die offene Zukunft

Über die Kostbarkeit der freien Rede, die komplizierte Wahrheit, über die Grausamkeiten in der Literatur hin zu einem gefährdeten Zukunftsbegriff – einen weiten, anspruchsvollen Bogen schlug Lukas Bärfuss am Mittwochabend im ersten Teil seiner Poetikvorlesung in der gutbesuchten Aula der Universität.

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Lukas Bärfuss

Quelle: Wenzel

Göttingen. Der Schweizer Autor überraschte das Publikum in „seiner Verlagsstadt, in die er immer wieder gern kommt“. Niemand hätte ihn gefragt, worüber er redet, scherzt er zunächst. Die Universität, das Literarische Zentrum Göttingen als Veranstalter haben ihn „einfach eingeladen und Schluss!“ Er könne reden worüber er wolle, etwa auch über seinen berühmten Schweizer Vorfahren Albrecht von Haller und seine grausamen Tierversuche. Das tut er dann und da beschleicht den einen oder anderen Besucher wohl das Gefühl, in der falschen Veranstaltung zu sein. Aber Bärfuss kommt elegant auf das kostbare Privileg der freien Rede zurück. Das eben nicht selbstverständlich sei und für das er sich bedanken wolle.

Teilen wolle er in seiner Poetikvorlesung, so fährt er fort,  die Frage nach der Grausamkeit. Was es sei, was in uns mordet, lügt. Endlose Reihen  Bücher in schöner flüssiger Prosa geschrieben – Shakespeare, Kleist, Büchner – und sie enthielten alle endlose Reihen von Scheußlichkeiten, wie Menschen sich gegenseitig quälen, sich umbringen. Besonders scheußlich sei „Krieg und Frieden“ von Leo Tolstoi, führt der Schweizer mit vielen Beispielen aus. Er quäle seine Figuren, seine Leser.

Aber er habe es freiwillig geschrieben, er - Bärfuss - habe es freiwillig gelesen, sei als Schriftsteller keinen Deut anders. Warum? Fortschritt, so Bärfuss,  benötigt eine gewisse Brutalisierung. All das Elend, das beschrieben werde, die traurigen Figuren zeigten in die Zukunft, auf den Glauben, dass man etwas verändern kann, das es weitergeht, dass es besser wird. „Die Zukunft ist offen, die Zukunft liegt in den Händen der Gesellschaft.“ Niemand sei einem unabänderlichen Schicksal unterworfen. „Das war der positive Zukunftsbegriff der unsere Gesellschaften verbunden  hat“, so Bärfuss. Dieser Zeitbegriff sei gefährdet. Die Menschen wollten nichts mehr überwinden, sie hätten die komplizierte Wahrheit satt, wollten einfache Antworten, sich nur noch vor dem Chaos schützen.

Wie es weitergehen kann, darüber spricht Bärfuss im zweiten Teil seiner Poetikvorlesung am Donnerstag, 19. Januar, um 20 Uhr in der Aula am Wilhelmsplatz.

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