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Regional „Prinzessinnendramen“ von Elfriede Jelinek
Nachrichten Kultur Regional „Prinzessinnendramen“ von Elfriede Jelinek
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10:25 28.01.2019
In"Prinzessinnendramen", einer Regiearbeit von Julia Prechsl im DT-2 des Deutschen Theater Göttingen, werden auch die Füße des Publikums verkleidet. Gaia Vogel und Dorothée Neff (v.l.) wechseln ihr Schuhwerk mehrmals im Stück. Quelle: Thomas Müller
Göttingen

Bei der Premiere von „Prinzessinnendramen“ im Deutschen Theater (DT) hat die Regisseurin Julia Prechsl eine verkürzte Fassung von Jelineks sechs Prinzessinnen und ihrem Kampf um und gegen die Männer gezeigt. Prechsl beschränkt sich auf drei der Geschichten um Unterdrückung: Schneewittchen, Dornröschen und Rosamunde. Im ungewohnten Bühnenbild von Birgit Leitzinger robben die Prinzessinnen über den Boden eines pastellfarbenen Waschraums. Fünf Toilettenkabinen mit laut schlagenden Türen und drei seitliche Waschbecken geben den Spielraum vor.

Kleinmädchentraum und hilfloses Rollenbild

Dass Frauenbilder auf der Bühne verhandelt werden, steht an diesem Abend und bei Jelinek im Allgemeinen außer Frage. Dass die beiden Darstellerinnen Gaia Vogel und Dorothée Neff dafür aber in Prinzessinnen-Ballkleider gesteckt werden und damit erst einmal als Kleinmädchentraum und im hilflosen Rollenbild verhaftet auftreten, irritiert. Das Publikum muss sich zwangsläufig anpassen: Der Zugang führt über die Bühne, pinke Schuh-Überzieher liegen am Eingang bereit. Die Ironie darin ist spürbar: Ich warte nur darauf, gleich eine Körperkontrolle am Flughafen durchlaufen zu müssen – und fühle mich keineswegs prinzessinnenhaft.

Eine Party ist es nicht: „Prinzessinnentraum“ fordert Respekt vor der Frau. Quelle: Thomas Müller

Das wäre auch unangenehm, denn der Text mit dem Untertitel „Der Tod und das Mädchen I-III“ lässt keine Wahl über den Ausgang der Geschichten. Das Schubert-Zitat deutet an, worum es Jelinek geht: Die Märchenfiguren finden in ihren Geschichten nicht das Glück in Form eines Prinzen oder der Wahrheit, sondern arbeiten sich an ihrem männlichen Gegenüber ab – bis zum Tod.

Auf der Suche nach Zwergen

Dorothée Neff sucht als Jelineks Schneewittchen nach Zwergen und der Wahrheit. Das Publikum lacht lauthals, als sie mit einem Pömpel mit integrierter Taschenlampe in Toiletten und dem Mülleimer auf die Suche geht. Zum Vorschein kommen blutige Tampons und Binden, aber kein Zwerg lässt sich blicken. Am Ende tötet sie der Jäger – ohne dass sie die Wahrheit auf ihrem langen Monolog gefunden hätte.

Dornröschen wird zwar von einem Prinzen geweckt, doch dann beginnen die Probleme: Wer ist denn überhaupt dieser Prinz und wieso agiert er so übergriffig? Für den Streit nimmt Gaia Vogel beide Rollen an, verkörpert mal die Prinzessin, dann den machohaften Prinzen mit weit gespreizten Beinen und bedient sich dabei am Ausdruck von deutschen Rappern wie Bonez MC. „Ich bin der Erwecker“, postuliert der Prinz durch ihren Mund. „Ich muss Gott sein“, schießt er nach.

Je nach Textfragment kämpfen die beiden Frauen gegeneinander oder miteinander gegen die Deutungshoheit Mann. Quelle: Thomas Müller

Jelinek als Rosamunde

Rosamunde ist weniger bekannt als die vorher genannten, sie stammt aus dem gleichnamigem Drama von Autorin Helmina von Chézy. Jelinek änderte die Geschichte und schrieb sich selbst hinein. Auf der Bühne des DT streiten sich die beiden Schauspielerinnen über Gleichstellung, rezitieren Stellen wie „Ich selige Erfolgsfrau. Ich fundamental-feministischer Single aus Überzeugung“ und sprechen damit aus Sicht der Autorin.

Beide schließen Kabinentüren hinter sich und zu wummernden Bässen ertönen Mordgeräusche und Schläge. Als sie zurück auf die Bühne taumeln, sind die Arme bis zum Ellbogen voller Blut. Sie waschen sich und schreien gemeinsam in Richtung des Publikums gegen das Patriarchat an. Als die Männerstimmen Kritik am Äußeren üben und weiter ihre Deutungshoheit beanspruchen, werden sie immer lauter und weniger verständlich. Auch das hilft nicht gegen das Gefühl, zwei hilflose Charaktere zu sehen, deren Traum zerplatzte, als er eigentlich in Erfüllung gehen sollte. Den Abend beendet Juna Emunds, eine Kinderstatistin, mit den Worten „Meine Stimme. Meine Stimme. Meine Stimme. Sagt.“ Im Originaltext wäre an dieser Stelle „Meine Stimme. Sagt nichts.“ vorgekommen.

Von Lea Lang

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