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Premiere am Staatstheater: „Così fan tutte“

Mozarts Meisterwerk Premiere am Staatstheater: „Così fan tutte“

Lebenslange eheliche Treue ist ein hohes Gut, das immer wieder mit hehren Worten eingefordert wird, doch angesichts einer Scheidungsrate von derzeit mehr als 50 Prozent nicht der gesellschaftlichen Realität entspricht. Diese Zahlen kannte Lorenzo da Ponte nicht, als er das Libretto zu Mozarts „Così fan tutte“ schrieb – aber wer ihn der Frivolität bezichtigt, sollte erstmal die Statistiken lesen.

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Liebesreigen: Ferrando (M. Nkuna), Fiordiligi (N. Bernsteiner), Dorabella (M.n Engelhardt) und Guglielmo (S. Zenkl) (von links).

Quelle: Klinger

Kassel. Schauspiel-Oberspielleiter Patrick Schlösser hat Mozarts skeptisch-vergnügliches Meisterwerk jetzt am Staatstheater Kassel inszeniert. Dafür hat ihm Bühnenbildner Etienne Pluss eine italienische Trattoria auf die Bühne gestellt, umgeben von einer sandigen Dünenlandschaft mit stachligem Gesträuch. Unten in der Trattoria sieht man den Speisesaal, darüber ein schräges Schlafzimmer mit einer Sechziger-Jahre-Regalwand.

Hier startet Philosoph Don Alonso seinen Treue-Test an den jung verliebten Paaren Fiordiligi/Guglielmo und Dorabella/Ferrando. Das Ergebnis kennen wir: Nach kurzem Ansturm geben die weiblichen Treue-Festungen nach, Fiordiligi erliegt dem nimmermüden Charme Ferrandos ebenso wie Dorabella den Annäherungen Guglielmos. Das Dramma giocoso hat über die Konventionen der Opera seria gesiegt. In einem finalen Kraftakt wird zwar die kreuzweise Verbandelung zugunsten der ursprünglichen wieder aufgegeben, doch sind die Paare desillusioniert. Und der Triumph Don Alfonsos, den die pfiffige Kammerzofe Despina nach Kräften unterstützt hat, fällt dementsprechend auch eher verhalten aus. Das ist der Preis, wenn man die Vernunft siegen lässt.

Das alles setzt Schlösser überzeugend um, mit gutem Gespür für Tempo und Spannung. Und weil „Così“ trotz der allgegenwärtigen Konventionskritik eine ausgesprochen heitere Oper ist, lässt der Regisseur auch dem Spielwitz breiten Raum, den die Sänger-Darsteller reichlich einbringen.
Die beiden stark-schwachen Frauen, Nina Bernsteiner (Fiordiligi) und Maren Engelhardt (Dorabella), sind so gleichwertig, wie es sich für diese Spielkonstellation gehört, Bernsteiner mit geläufigen Koloraturen und beeindruckenden Stärken auch in den tiefen Lagen, Engelhardt (Mezzosopran) mit bestrickender Weichheit des Timbres. Stefan Stenkl als Guglielmo kann seinen edlen Bariton blühen lassen, Musa Nkuna (Ferrando) besitzt einen wunderschön klingenden Tenor mit viel Leichtigkeit in der Höhe, der nur in der zweiten Hälfte einige Ermüdungszeichen verriet. Mit bezwingender Munterkeit und viel Temperament spielt und singt Ani Yorentz die Despina, Krzysztof Borysiewicz gibt dem Alonso angemessene Schläue und Würde.

Die Oper wird italienisch gesungen, für das Textverständnis sorgen Übertitel. Die hat Dramaturg Jürgen Otten in erfrischend modern-schnoddriger Sprache formuliert: ein Extraspaß in dieser durchweg pfiffigen Inszenierung. Spaß bereitet auch Kassels Generalmusikdirektor Patrik Ringborg, der die Rezitative am Hammerflügel begleitet und hier und da Zitate einstreut, von „Ein Männlein steht im Walde“ bis zu Wagners „Tristan“. Sein Orchester hat er auf Leichtigkeit und Transparenz verpflichtet, das macht auch von der musikalischen Seite her diese Aufführung luftig und unbeschwert. Das Premierenpublikum geizte nicht mit Beifall und Bravos.

Termine (jeweils um 19.30 Uhr): B-Premiere in durchweg anderer Besetzung am Sonnabend, 14. Dezember, anschließend 22. und 26. Dezember (18 Uhr), 19. Januar und 7. Februar. Kartenvorverkauf unter Telefon 05 61 / 10 94 222.

Von Michael Schäfer

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