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Regional Premiere des Elfriede Jelinek Stücks „Die Kontrakte des Kaufmanns“
Nachrichten Kultur Regional Premiere des Elfriede Jelinek Stücks „Die Kontrakte des Kaufmanns“
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23:50 22.11.2009
Gebrüll und Plakate: Johanna Diekmeyer, Sybille Weiser, Marie- Isabel Walke,Gerrit Neuhaus, Ingrid Domann und Philip Hagmann demonstrieren im Theaterstück „Die Kontrakte des Kaufmanns“. Quelle: EF
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Jelinek hat mit ihrem Stück auf einen Finanzskandal in ihrem Heimatland reagiert. Der Spross der Wiener Kaffeeröster- und Feinkost-Dynastie Meindl, die auch ein eher unbedeutendes Bankhaus führte, hatte Anleger mit dem Verkauf sogenannter Zertifikate geprellt. Zahlreiche Menschen, darunter viele Kleinanleger, verloren ihre Ersparnisse, das Geld versickerte in Firmen in der Karibik, einem undurchschaubaren Geflecht.
Jelinek lässt die Kleinanleger zu Worte kommen, die ihre Altersvorsorge einbüßten. Doch die Autorin schlägt sich nicht vorbehaltlos auf die Seite der Betrogenen. Denn auch sie wurden getrieben von Gier. Mindestens 15 Prozent Rendite jährlich hatte ihnen der Finanzjongleur versprochen. Wer auf einen solchen Gewinn spekuliert, ist entweder naiv oder nimmt betrügerisches Handeln billigend in Kauf. Bei Jelinek sprechen auch die Banker. Sie rechtfertigen sich wortreich, doch immer wieder bricht sich ihre Geringschätzung der Nichtreichen Bahn. Selbst Schuld, lautet ihre zynische Botschaft. Jelinek hat mit viel Wortwitz und lustvoller Boshaftigkeit geschrieben.
Regisseur Gersch ist es mit seinem Team großartig gelungen, diesem Wortschwall eine angemessene, weil strukturierende, aber dennoch ausreichend offene Form zu verleihen. Hier läuft kein chronologisches Geschehen ab, hier wird debattiert. Dafür hat Gersch mit vielen brillanten Regieeinfällen den Rahmen geschaffen.
Armes Würstchen
Gleich zu Beginn fängt Schauspielerin Ingrid Domann das Publikum mit einer wortreichen Rechtfertigung ein. Ist doch alles in Ordnung, das Geld ist dort gelandet, wo es hingehört, bei ihrer Familie, in ihrer Dynastie. Später wird sie als Kartoffel über die Bühne laufen als eine der Betrogenen. Philip Hagmann ist einer der (scheiternden) Racheengel mit Kleidchen und Krönchen, aber auch eines der über den Tisch gezogenen armen Würstchen – und das ist bildlich zu verstehen.
Eine Braut taucht auf, pelzige Teufel mit Pferdefuß toben umher. Banker mit Businessanzug geben sich unschuldig, und eine ganz normale Tiroler Familie zerbricht, weil der Vater (nach einem Unfall am Vorabend auf der Bühne von Andreas Jeßing großartig im Rollstuhl gespielt) nach dem Verlust der Ersparnisse zum prügelnden Tyrannen mutiert.
Für diese Szene lässt Ausstatterin Miriam Grimm die Fassade eines typischen Einfamilienhauses von der Decke schweben. Mächtige rollende Felsquader hat sie entworfen und auch eine kleine Gefängniszelle integriert. Mit viel Gestaltungsfreude ist sie zu Werke gegangen.
Das Ensemble spielte in diesen Szenerien geradezu rauschhaft. Die Akteure mussten viel sperrigen Text lernen, doch ohne Hänger bleiben bei dieser kaum lösbaren Aufgabe die Wenigsten. Also hat man aus der Not eine Tugend gemacht. Statt Textaussetzer zu überspielen, brüllen die Schauspieler in Richtung Souffleuse, deutlich vernehmbar hilft Gisela Bohmann weiter. Einer von vielen grandiosen Regieeinfällen, die zu einer bemerkenswert dichten, präzisen und humorvollen Inszenierung beitragen. Alles richtig gemacht, viel gewagt und schließlich gewonnen. Selten war nach einer Premiere ein derart vergnügtes und aufgekratztes Publikum zu erleben.
Weitere Vorstellungen: 24. November sowie am 4. und 17. Dezember um 19.45 Uhr im Deutschen Theater Göttingen, Theaterplatz 11. Kartentelefon: 05 51 / 49 69 11.

Von Peter Krüger-Lenz

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