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Armer Verräter?

Junges Theater: „Judas“ Armer Verräter?

Eigentlich ist der Drops doch gelutscht: Jesus hat mit seinem Tod das Heil in die Welt gebracht, und Judas ist ein Verräter. Autorin Lot Vekemans hat das in ihrem Stück „Judas“ hinterfragt. Das Junge Theater (JT) Göttingen hat es auf seinen Spielplan gesetzt. Am Sonnabend war Premiere - in der Johanniskirche.

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Quelle: R

Göttingen. Judas liegt auf einem Gerüst, eine Mischung zwischen Tennis-Schiedsrichterstuhl, Ein-Meter-Sprungbrett und hochbeiniger Fischreuse, das in der Sakristei zwischen den hohen Säulen steht.(Bühne und Kostüm: Sonja Elena Schroeder). Im Hintergrund ist eines der Kirchenfenster beleuchtet. Darauf ist Jesus zu sehen, ans Kreuz geschlagen. Judas liegt dort schon, als die Zuschauer langsam ihre Plätze einnehmen. Judas kann nicht weg. Denn er ist tot. Himmel? Hölle? Jedenfalls nichts, was einer biblischen Vorstellung nahe kommt. Klar ist aber: Judas geht es nicht gut.

Vor fast 2000 Jahren war er Jünger von Jesus. Er wollte dem Erlöser nahe sein und wollte ihn bis nach Rom begleiten. Dort sollte Jesus herrschen. So stellte Judas sich das vor. Doch Jesus war ihm zu duldsam, Judas griff ein. Er verriet seinen Herrn für 30 Silberlinge an die Römer. So steht es in der Bibel geschrieben. Nicht schön für Judas. Denn fortan galt er als der Urvater aller Verräter.

Autorin Vekemans hat sich damit allerdings nicht zufrieden gegeben. Ihre Argumentation ist schlicht und schlagend. Sie lässt Judas auf die Dualität in der Welt hinweisen. Ohne Glück kein Pech, ohne Licht kein Schatten, ohne Verräter kein Erlöser. Und Judas, der nach seinem Verrat den Römern die Silberlinge vor die Füße warf, Jesus verteidigte und nach dem Gesetz hätte hingerichtet werden müssen, hing sich schließlich selbst auf, er beging Selbstmord.

Heute nun beklagt er sich bitterlich. Jesus gelte als Weltenretter, dabei habe er alle Schuld auf sich genommen. Was sei dagegen ein Tod am Kreuz?

Vekemans lässt Judas sehr geschickt argumentieren und öffnet damit auch den Blick auf Grundsätzliches und also auch auf anderes Zeitgeschehen. Wer schwang damals den Palmwedel, und wer forderte die Freilassung des Verbrechers Barabbas und den Tod von Jesus? Wer wäre heute bei den einen? Oder bei den anderen? Wer kann heute von sich sagen, er hätte keinesfalls den Nationalsozialisten zugejubelt?

Schauspieler Jan Reinartz spielt in der einstündigen Inszenierung diesen so zwiespältigen Judas, diesen Leidenden, der behauptet, keine Vergebung zu wollen. Der zu seiner Tat steht und stolz auf seien Namen sein will, den seit 2000 Jahren kein Kind mehr trägt. Ihm gelingt es, seinem Judas viel Ambivalenz zu geben und ist damit ganz im Sinne der Autorin Vekemans unterwegs, der es eher um Fragen als um Antworten geht. Reinartz muss in diesem Bühnenbild sehr begrenzt und eingeengt agieren. Viel Körperlichkeit kann er nicht ausspielen in der Enge seines nachtodlichen Daseins. Er ist überwiegend angewiesen auf Gestik und Mimik und kommt damit wunderbar zurecht.

Regisseur Sommer hat das Geschehen sehr konzentriert in den Kirchenraum gebracht und dabei viele Facetten von Reinartz aufleuchten lassen. Dessen Spiel wird nur manchmal getrübt, wenn er überdreht. Allzu laut muss dieser Judas nicht werden, um seine Lage drastisch zu schildern. Und vermeintliche körperliche Anstrengung wirkt an einigen Stellen arg überzogen.

Eigentlich naheliegend ist die Idee des JT-Leitungsteams, diesen „Judas“ in einem Kirchenraum über sein wirklich ramponiertes Image räsonieren zu lassen. Mutig die Entscheidung der Kirchenoberen, ihr Gotteshaus dafür zur Verfügung zu stellen. Eine Produktion, die die 60. Spielzeit des JT schmückt.

Die nächsten Vorstellungen in der Göttinger Johanniskirche: 16. und 30. September, 13. Oktober und 18. November um 20 Uhr sowie am 29. Oktober um 15 Uhr. Weitere Termine: junges-Theater.de

Von Peter Krüger-Lenz

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