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13:34 24.09.2017
Szene aus „Himmel“ mit Gerd Zinck und Moritz Kahl. Quelle: r
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Göttingen

Zwei Spuren haben der Krtyptoanalytiker Valery Masson (Florian Eppinger), der Ingenieur für Überwachungstechnik Charlie Eliot Johns (Gerd Zinck), der Hacker Chef Chef Vincent (Benjamin Kempf), die Übersetzerin Dolorosa Haché (Marie Seiser) und ihre Chefin Blaise Centier (Andrea Strube) herausgefiltert. Die eine verfolgt islamistische Terroristen, einen möglichen Anschlag mit Chemiewaffen. Die andere, die Tintorettospur, führt zu einer Jugendgruppierung, in deren Nachrichten immer wieder Hinweise auf das Gemälde „Die Verkündigung an Maria“ von Tintoretto zu finden sind.

Kurz vor Weihnachten, vier Tage vor der geplanten Ablösung durch ein neues Team, hat Valery Selbstmord begangen. Die Agenten müssen bleiben. Neben den beiden Spuren sollen sie jetzt auch die Gründe für den plötzlichen Selbstmord untersuchen. Valery hat seinen Computer gesperrt, ein Freund von ihm, Clement Szymanowski (Moritz Schulz), ebenfalls Kryptoanalytiker, soll helfen. Dabei entdeckt Szymanowski mithilfe der Poesie und Algorithmen, dass Valery entscheidende Erkenntnisse zur Tintorettospur hatte.

Regisseurin Bartkowiak inszeniert das Stück angenehm schnörkellos. Neben Spurensuche und Enträtseln zeigt sie mit reduzierten Mitteln, aber umso wirkungsvoller das Innenleben der fünf Geheimdienstmitarbeiter, zeigt Vertrauen, Streit und Einsamkeit. Dafür hat Nikolaus Frinke, mit dem Bartkowiak oft zusammenarbeitet, die passende Bühne geschaffen. Sehr karg ist sie, im Vordergrund lediglich vier Bürostühle. Alles andere wird mit vergoldeten Bilderrahmen gestaltet. Sie schweben rauf und runter, schaffen Räume. Über sie laufen die Zahlen und Buchstaben, die die Arbeit der Agenten symbolisieren, sie sind wahlweise Computerbildschirm oder Bühne für die Verzweiflung der fünf. Und symbolisieren die Verbindung zu Poesie und Kunst.

Überzeugend agiert das ganze Ensemble, ob Strube als coole Chefin, desillusioniert aber verletzlich in ihrer Hin- und Hergerissenheit, Schulze als Computernerd, der nicht nur an Algorithmen, sondern auch an die Kraft der Poesie glaubt oder Zinck als pragmatischer Ingenieur, verzweifelt aber als Vater eines Teenagers.

„Himmel“ ist der letzte Teil einer Tetralogie, beginnend mit „Küste“, „Verbrennungen“ und „Wälder“, die der im Libanon geborene kanadische Autor Mouawad geschrieben hat. „Himmel“ sei ein Stück, das – inhaltlich wie formal – all den vorangegangenen Stücken zu widersprechen versuche: der Bedeutung von Erinnerung, der Suche nach den eigenen Wurzeln, dem Streben nach dem Unendlichen, sagt Mouawad. Die Spur, so will es der Autor, verweist auf eine Jugend, die an keine europäischen Werte mehr glaubt. Eine neue Jugendbewegung, geboren in den aktuellen Kriegen, aufgewachsen im Schatten ihrer Leichenberge, heißt es im Text. Ein globales Netzwerk werdender Anarchisten habe sich so gebildet, und versuche Weltschmerz in der Poesie des Terrors zu formulieren. Ob dies glaubhaft ist, lässt auch Mouawad offen.

Die persönlichen Ebenen, Terrorgefahr verbunden mit einem Generationenkonflikt, symbolisiert im Stück durch die Vater-Sohn-Beziehungen zwischen Valery und Anatol und Charlie und Viktor sowie das Verhältnis zwischen Valery und seinem Schüler Szymanowski, das arbeitet Bartkowiak heraus. Eine dichte, sehenswerte Inszenierung.

Von Christiane Böhm

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