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Premiere des Stücks „Jesus von Texas“ im Theater im OP

Mord, Todesstrafe, Perversion Premiere des Stücks „Jesus von Texas“ im Theater im OP

Es sind ernste und zugleich zutiefst traurige Themen, die das Erstlingswerk von DBC Pierre anspricht: Mord, Todesstrafe, Perversion. Der Autor bedient sich in seinem Roman keines hochtrabenden Schreibstils. Sein Duktus beruht auf alltagssprachlichen Äußerungen, die er in eine zugespitzte Gesellschaftskritik voll schwarzen Humors steckt. Diese ist auch Bestandteil der fast ausverkauften Premierenvorstellung von „Jesus von Texas“ des studentischen Theaters im OP.

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Im Gerichtssaal: Richter Gurie und die Staatsanwältin (von links).

Quelle: EF

Göttingen. Die texanische Kleinstadt Martirio war Schauplatz eines Amoklaufs. Jesus Navarro hat sechzehn seiner Mitschüler und anschließend sich selbst getötet. Doch die Einwohner der Stadt wollen nicht trauern, sondern einen Schuldigen finden. So konzentrieren sich die Rachegelüste der Menschen und die Sensationsgier der Medien schnell auf Vernon Gregory Little, den einzigen Freund von Jesus. Ein Strudel der Ereignisse setzt sich in Gang, bei dem polemisch dargestellte Charaktere genauso zum Zuge kommen, wie ein medienpervertierter Gerichtsprozess.

Regie

Bei der Inszenierung unter Regie von Helle und Sven Körner übernehmen einige Schauspieler mehrere Rollen. Die einzelnen Charaktere sind durch geänderte Kleidung und spielerische Eigenschaften gut zu unterscheiden. Der Protagonist Vernon tritt in zwei Erscheinungen auf. Da ist zum einen der schüchtern wirkende, reale Vernon, der mit den anderen Charakteren interagiert (Kai Burghardt). Zum anderen sein alter Ego (Reza Saadatian). Der Vernon, der seine Gedanken unverblümt ausspricht, die gesamte Geschichte aus einer Ich-Perspektive kommentiert, aber nicht mehr als das innere, brodelnde Ich des Protagonisten zu sein scheint.

Sex-Szene

Nur manchmal platzt dieses Innere aus dem schüchternen Vernon heraus. Die beiden Schauspieler sprechen zusammen – das Timing passt. Trägt im ersten Teil der Vorstellung noch Vernons leichtgläubige und einfältige Mutter (Monika Giro) mit Aussagen wie: „Selbst Mörder werden von ihren Müttern geliebt“, zur Erheiterung des Publikums bei, steht in der zweiten Hälfte der entartete Medienprozess im Mittelpunkt. Anwältinnen in kurzen Kleidern und mit ausladenden Nummerngirl-Gesten oder Richter Herbert Gurie (Thomas Löding): „Das war ein ganz schnuckliges Plädoyer“, bringen die Zuschauer zum Lachen. Die Inszenierung wandelt dabei immer zwischen rabenschwarzem Humor und der Anstößigkeit des Inhalts. Manche Zuschauer lächeln verschüchtert, als eine Sex-Szene dargestellt wird, andere scheinen die Grausamkeit, die dem einzig normal erscheinenden Charakter Vernon widerfährt, nicht glauben zu können.

Countrymusik

Abgerundet wird das gesamte Spiel mit kleinen Gimmicks. Vor dem Schauspiel ist Countrymusik zu hören, Blumen und Briefe werden in Gedenken an die Erschossenen niedergelegt und die Eintrittskarte für die Inszenierung ist die Visitenkarte eines Charakters. Ob die darauf stehende Telefonnummer angerufen werden sollte, muss jeder für sich selbst entscheiden: Melden wird sich die Bethel Baptist Church in Nacogdoches, Texas. 

Weitere Vorstellungen im ThOP, Käte-Hamburger-Weg 3 in Göttingen: 22., 23., 26., 27. Februar sowie 1. und 2. März jeweils um 20.15 Uhr.

Von Friedrich Schmidt

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