Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Regional „Schwanengesang“ im DT als „Rausch und Requiem“
Nachrichten Kultur Regional „Schwanengesang“ im DT als „Rausch und Requiem“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:21 12.09.2018
Johannes Rebers, Christina Jung bei der Premiere von Schwanengesang im Deutschen Theater Göttingen. Quelle: Aurin
Göttingen

Zwischen August und Oktober 1828 schrieb Schubert – gestorben am 19. November 1828 – eine Folge von 14 Liedern, die sein Wiener Verleger Tobias Haslinger im Jahr darauf als „Schwanengesang“ veröffentlichte. Diese Lieder bilden die musikalische Basis der „Stückentwicklung“, so die Ankündigung, an der textlich neben Friedel der Göttinger Humangenetiker Prof. Bernd Wollnik und die Dramaturgin Verena von Waldow beteiligt sind. „Rausch und Requiem nach Schubert“ lautet der Untertitel.

Befremdlich aber konsequent

Den Anstoß zu diesem Stück dürfte die Faszination ausgelöst haben, die Schuberts Lieder ausstrahlen – vor allem die späten, die er unmittelbar vor seinem frühen Tod komponiert hat. Dass diese Lieder Gedanken über Krankheit und Sterben heraufbeschwören, liegt auf der Hand. Und deshalb – befremdlich, aber konsequent – beginnt der „Schwanengesang“ mit einem medizinischen Referat über Humangenetik und die Zukunft der Genomforschung. Die Bühne ist nackt, im Hintergrund sieht man ein Krankenbett und Infusionsständer. Ein Wissenschaftler führt aus, wie weit die Forschung heute schon fortgeschritten ist. Er stellt in Aussicht, dass wir in Zukunft zwar nicht ewig leben, aber gesünder alt werden können. Am Ende wird er persönlicher: Seine Forschung über genetische Ursachen des plötzlichen Herztods hat autobiografische Beweggründe. Und er befürwortet die These, dass auch Emotionen und Erfahrungen möglicherweise vererbbar seien. Seine Mutter habe die Bombennächte in Wien am Ende des Zweiten Weltkriegs in Kellern verbracht und ihren beiden Kindern zur Beruhigung immer etwas vorgesungen.

Lichtwechsel, donnernde Geräusche aus der Ferne. Eine Mutter singt ihren beiden Kindern etwas vor. Schubert. Es kracht laut. Die Mutter singt weiter.

Lichtwechsel, Nebel wabert

Lichtwechsel. Ein Pavillon auf der Bühne. Eine Familienfeier. Jemand kündigt einen Beitrag an. Die Gruppe klettert im Nu auf das Dach des Pavillons. Zu hören ist wieder Schubert. Die Szene wiederholt sich mehrfach in verschiedenen Versionen, alles wird blitzschnell umdekoriert. Zu hören: „Abschied“, „Am Meer“, „Taubenpost“.

Lichtwechsel, Nebel wabert, zwei Reihen gleißender Scheinwerfer. Ein Tänzer tritt auf, vollführt einen akrobatischen, gleichsam abstrakten Stepptanz. Toll. Später gibt es ein eindrucksvolles Tanztheater mit einem Großteil des Ensembles. Szenenwechsel. Das begleitende – durchaus professionelle –Streichquartett spielt den Anfang von Schuberts d-Moll-Quartett. Anschließend „Leise flehen meine Lieder“ und „Der Tod und das Mädchen“ als Tanzszene in barocken Kostümen und barocken Kulissen mit aberwitzigen Perücken, mit quietschend kichernden Mädels und inszenierten Tanz-Fehlern. Szenenwechsel. Großformatige Videosequenzen mit Computertomogrammen und animierten anatomischen Darstellungen, ein Hauch von Gunther von Hagens „Körperwelten“. Szenenwechsel. Die Musiker stehen in Vitrinen wie Ausstellungsobjekte, was atmosphärisch an den Film „2001 – Odyssee im Weltraum“ erinnert. Szenenwechsel. Die Mutter erzählt ihren Kindern, dass sie nicht mehr sterben müssen, immer glücklich sein werden. Schöne neue Welt. Und dazu immer wieder: Schubert.

Kein neuer Zugang zu Schuberts Werk

Man kann nicht sämtliche theatralen Assoziationen aufzählen, die den Stückentwicklern zu Schuberts „Schwanengesang“ eingefallen sind. Doch wenigstens sollte man nicht unerwähnt lassen, dass Schuberts Melodien – mindestens dann, wenn sie unbegleitet vorgetragen werden – für ungeschulte Stimmen ziemlich schwierig sein können. Und bei allem Respekt vor den munter sprudelnden Bühnenfantasien von Regisseur Friedel, die von Bühnenbildner Alexander Wolf; Kostümbildnerin Ellen Hoffmann und Choreograf Valentí Rocamora i Torá ausgesprochen professionell umgesetzt werden: Das ist kein Schubert-, sondern ein Friedel-Abend. Und beileibe kein neuer Zugang zu Schuberts Werk.

Das Ensemble und weitere Vorstellungen

Gaby Dey, Florian Donath, Florian Eppinger, Christina Jung, Benedikt Kauff, Rebecca Klingenberg, Katharina Müller, Volker Muthmann, Johannes Rebers, Gregor Schleuning und Mirjam Sommer. Live-Musiker: Yana Krasutskaya und Justin Ciuche (Violine), Patricia Loyal (Viola) und Jann Michael Engel (Violoncello). Weitere Vorstellungen am 12., 19., 22. und 27. September sowie am 20. und 26. Oktober um 19.45 Uhr im Deutschen Theater Göttingen, Theaterplatz 11. Karten online unter gt-tickets.de.

Von Michael Schäfer

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Moritz Wesseler wird neuer Direktor des Fridericianums in Kassel. Der Kunsthistoriker und Kurator soll das Amt am 1. November antreten.

09.09.2018

Worin liegt die Magie der Klezmermusik? „Die Evas“ spielen und fühlt sie – jetzt gibt die Göttinger Frauenband ein Konzert in Geismar. Im Gepäck hat sie ihre neue CD „Im Garten Eden“.

09.09.2018

Bonez MC & RAF Camora gehen 2019 auf Hallen-Tournee. In der Tui-Arena in Hannover ist das Deutschrapper-Duo am Donnerstag, 7. März 2019, zu sehen. Tickets gibt es unter gt-tickets.de.

08.09.2018