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Regional Premiere von Kafka-Stück „Amerika“
Nachrichten Kultur Regional Premiere von Kafka-Stück „Amerika“
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00:18 11.09.2018
Der Koffer ist aufgebrochen, das Foto der Eltern weg: Andreas Krüger, Katharina Brehl. Quelle: HEISE
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Göttingen

Obwohl die Geschichte des 16-jährigen Karl Rossmann über 100 Jahre alt ist, fühlt sie sich vertraut an. Ein junger Mann, gezwungen seine Heimat zu verlassen, in einem fremden Land und auf der Suche nach seinem Glück. Karl wurde von seinen Eltern verstoßen und muss nun versuchen, in New York ein neues Leben zu beginnen.

Vom Pech verfolgt

Seine Leben ist ein stetes Auf und Ab. Als Zuschauer schwankt man zwischen Mitleid für den vom Pech verfolgten jungen Mann und Kopfschütteln über dessen sträfliche Naivität. Karl hat das Schiff nach New York noch nicht einmal verlassen, da begibt er sich bereits in Schwierigkeiten: Er vergisst seinen Regenschirm unter Deck und bittet einen Fremden auf seinen Koffer aufzupassen.

Szene aus „Amerika“ Quelle: DOROTHEA HEISE

„In Hamburg wäre Ihr Bekannter beim Koffer geblieben, aber hier in Amerika sind beide sicher schon über alle Berge“, erklärt ein Heizer dem jungen Mann. War es leichtsinnig den Koffer einem Fremden anzuvertrauen? Mit Sicherheit. Trotzdem bemitleidet man als Zuschauer den jungen Karl. Er ist noch fast ein Kind und stammt aus einer anderen Welt. Aber Karl hat auch Talent, sich in Schwierigkeiten zu bringen.

Starke Katharina Brehl

Katharina Brehl gibt als Karl eine zerbrechliche wie starke Figur. Sie lässt ihn facettenreich mutig sein und verzweifelt, lässt ihn dem Glück hinterherrennen und immer wieder in den Auseinandersetzungen im Milieu den Kürzeren ziehen. Immer wieder hat er scheinbar Glück, trifft Menschen, die ihm helfen. Dann ist er wieder vom Pech verfolgt. Er trifft Landstreicher, die ihn ausnutzen. Er bekommt eine Anstellung in einem Hotel und verliert sie wieder. Es wirkt fast so, als wäre es Karls Schicksal, nirgendwo ankommen zu dürfen.

Szene aus „Amerika“ Quelle: DOROTHEA HEISE

Während Brehl mit unheimlicher Energie die Hauptrolle durchzieht, haben ihre fünf Mitspieler –Agnes Giese, Jacqueline Sophie Mendel, Julian Dietz, Andreas Krüger und Jan Reinartz – viel zu tun mit etlichen Rollenwechseln, die sie mit Bravour meistern und in etlichen Rollen Spaß machen. Die neuen Ensemblemitglieder – Mendel, Dietz und Krüger – haben damit schon mal eine gute Gelegenheit erhalten, sich gekonnt als verschiedene Typen zu beweisen. Mendel zieht die Register vom aufdringlichen Millionärstöchterlein bis zum ungelenken Engelchen.

Cleverer Einsatz

Regisseur Christian von Treskow hat den Kafka-Text mit Dramaturg Christian Vilmar auch bearbeitet und gelungen gestrafft. Auch das Bühnenbild stammt von Treskow – es ist so einfach und billig wie in seinem cleveren Einsatz unheimlich variabel.

Auf der Bühne befinden sich einige etwa zwei Meter hohe und ein Meter breite Holzrahmen, bespannt mit halbdurchsichtiger Folie. Sie bieten genau Platz für einen Menschen. Die Schauspieler nutzen sie in den verschiedenen Szenen einfallsreich für die Gestaltung des Settings: Auf dem Schiff stellen die Rahmen enge, verwinkelte Gänge dar. Sie verdeutlichen die Weitläufigkeit New Yorks und die Enge der Wohnung der Sängerin. Im Hotel werden die Rahmen zu Fahrstuhltüren – sie sind immer zu etwas gut.

Eindrucksvoll und sehenswert

Es ist beeindruckend, wie es dem Ensemble durch die Regie Treskows gelingt, die komplexe Geschichte Kafkas ohne viele Requisiten dem Zuschauer sehenswert zu präsentieren. Mit der von Fred Kerkmann für die JT-Inszenierung komponierten Musik kommt ein weiteres Element hinzu, das die Geschehnisse musikalisch noch einmal verstärkt oder fein untermalt.

„Amerika“ ist ein emotionales Theaterstück, das den Zuschauer mit dem jungen Karl mitfühlen lässt. Es wird klar, wie schwer man es als einzelnes Individuum in einer fremden Gesellschaft hat. Obwohl Kafka sein Werk nie beendet hat, fühlt sich das Stück vollständig an: Am Ende zieht Karl, hoffnungsvoll zurückblickend, zu einem neuen Job in Oklahoma. Für die eindrucksvolle Leistung und die sehenswerte Inszenierung bedankte sich das Publikum der ersten Premiere der Spielzeit 2018/19 mit minutenlangem Applaus.

Die nächsten Vorstellungen von „Amerika“ sind am Dienstag, 11. September, am Mittwoch, 19. September, und Dienstag, 25. September, um 20 Uhr im Jungen Theater, Hospitalstraße 6 in Göttingen zu sehen.

Von Max Brasch

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