Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Regional „Heimatabend zum 50. Geburtstag von 1968“
Nachrichten Kultur Regional „Heimatabend zum 50. Geburtstag von 1968“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:23 01.05.2018
Peter Christoph Grünberg, Karsten Zinser, Katharina Brehl, Franziska Lather in „GÖ 86 ff.“. Quelle: r/Dorothea Heise (Junges Theater Göttingen)
Anzeige
Göttingen


Rudi Dutschke war in Göttingen. Der Berliner Student, der zu einer der Hauptpersonen der Studentenbewegung im Jahr 1967 geworden war, kam am 16. Januar 1968 an die Georg-August-Universität. Wo sprach er: in der Aula am Wilhelmsplatz, im Zentralen Hörsaalgebäude, im Audimax, in der Aula am Waldweg? Mit der Frage geht es los im Theaterstück „GÖ 68 ff.“, das Peter Schanz fürs Junge Theater Göttingen geschrieben und inszeniert hat. Am Freitag hatte der „Heimatabend zum 50. Geburtstag von 1968“ Premiere: eine Revue, die die alten 68’er neu in Szene setzt. Damit gehört das Junge Theater zu drei Theaterhäusern in Deutschland, die das Thema auf dem Spielplan haben.

Dutschke hielt seine Rede für gesellschaftliche Veränderung und Bildungsreformen in der Aula am Waldweg – und damit in der damals noch in Göttingen existierenden Pädagogischen Hochschule (PH). Ach ja! So trügerisch kann die Erinnerung sein. Das Hörsaalgebäude am heutigen Platz der Göttinger Sieben war damals allenfalls ein Plan im Architektenschrank.

Schanz, der fürs JT 2017 das Lichtenberg-Stück „Der größte Zwerg“ schrieb, bringt nun bundesdeutsches und lokales Geschehen zusammen. In seinem Bühnenbild dominieren Hamburger Gitter, mobile Absperrvorrichtungen für Polizeieinsätze, die er einfallsreich nutzt als Kulisse für Demonstrationen, Sit-ins, Gerichtsverhandlungen, Vorlesungen oder Debatten in Wohn- und WG-zimmern.

v.l. Jan Reinartz, Karsten Zinser, Katharina Brehl, Peter Christoph Grünberg, Agnes Giese, Franziska Lather Quelle: Dorothea Heise

Basierend auf den Erinnerungen von Göttingern, die 1968 und in den folgenden (ff.) Jahren hier junge Leute waren, sind die Szenen des Heimatabends ineinander verwoben und ergeben sieben Kapitel in 150 Minuten.

Und in denen lassen die sechs Schauspieler nichts aus, um (fast) alle Typen zu verkörpern, die 68 ff. hergeben im Kampf gegen den Vietnam-Krieg und für die Befreiung aus der „Nachkriegs-Adenauer-Lügen-Wirtschaftswunder-Nazi-Verdränger-Welt“. Franziska Lather meistert als wütender Arbeiter, bürgerliche Mutti oder als einer der freien Liebe zugänglichen WG-Bewohnerin, um nur ein paar ihrer Rollen zu nennen, das Spiel mit der Wandlungsfähigkeit.

Das ist eine der Herausforderungen der Inszenierung. Sie fordert auch mit einer gewaltigen Textfülle und -verschiedenheit, die von Auszügen aus dem kommunistischen Manifest, Dutschke-Reden, Gesetzpassagen, Liedversen oder feministischen Forderungen reicht. Die sind informativ und unterhaltsam versetzt mit Zitaten von Zeitzeugen.

v.l. Franziska Lather, Agnes Giese, Katharina Brehl Quelle: Dorothea Heise

Regisseur Schanz bringt immer wieder Schwung in die Debatten in bürgerlichen Familien, Kinderladen-Plenum, Vorlesungen, Politik-, Studenten- und anderen Bezugsgruppen.

Komisch ergänzt Karsten Zinser als Politclown (im Stil von Jango Edwards) nur mit Unterhose bekleidet – als Kopfbedeckung – die Schwanz-ab-Phantasien der Feministinnen, die mit dem Beil eine Gurke zerlegen. Peter Christoph Grünberg ist unter anderem der kritische Student, der wagt, die Parolen der Zeit mit denen der Nazis zu vergleichen. Und er macht sich mit Katharina Brehl klein für die Rolle der von Eltern zu Demonstrationen mitgenommen Kinder, die „USA-SA-SS“ skandieren. 1970 wurde das nach einen Bericht der Bild-Zeitung über eine Demonstration in Göttingen bundesweit zum Thema.

Da war die „Göttinger Linie“, die Deeskalationsstrategie der Göttinger Polizei, schon abgehakt: Seit bei dem Besuch von Bundespräsident Heinrich Lübke am 13. Juni 1969 ein Ei das Auto des Staatsoberhauptes getroffen hatte, ging die Polizei bei Demonstrationen massiver vor. Provozierende Haltung von Demonstranten beantwortete fortan ein schneller Zugriff. In „GÖ 68 ff.“ symbolisiert das eine eindringliche, fast unerträgliche Prügelszene am Hamburger Gitter.

Die siebziger Jahre etablieren aber auch Kinderläden, die Rote-Armee-Fraktion (RAF) und internationale Verbündete. Venceremos, Avanti Popolo oder Bread and Roses werden gesungen.

So viele Schlaglichter auf Göttinger Geschehen und Geschichte, weit über die Heimat hinaus, zündet „GÖ 1968 ff.“. Agnes Giese und Jan Reinartz sind diejenigen, die vieles der Gruppe der vier jungen Leute – und damit auch dem Publikum – erklären. Das hilft denen, die jünger als 60 Jahre sind, die die Göttinger Geschichte kaum kennen, denen Mescalero-Nachruf oder Kneipennamen wie Centre nichts sagen.

Der weite Bogen von „GÖ 1968 ff.“ hält die Spannung. Er endet mit der Erinnerung an die Ideale von damals und einer Kampfansage gegen politische Entwicklungen 50 Jahre nach 1968.

Die nächsten Vorstellungen von „GÖ 68 ff.“ im Jungen Theater, Hospitalstraße 6, in Göttingen um 20 Uhr am 5., 12., 18., 29. Mai und 22. Juni. Eintrittskarten sind in den Tageblatt-Geschäftsstellen, Weender Straße 44 in Göttingen und Marktstraße 9 in Duderstadt, erhältlich.

Von Angela Brünjes

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die Schriftstellerin Terézia Mora erhält in diesem Jahr den „Roswitha Preis“ der Stadt Bad Gandersheim. Der mit 5500 Euro dotierte Preis wird seit 1973 vergeben. Mit der Verleihung soll an erste deutsche Schriftstellerin, Roswitha von Gandersheim erinnert werden.

27.04.2018
Regional Händel-Talk in Göttingen - Gespräch mit Festival-Künstlern

Hochkarätig war der Händel-Talk am Mittwoch besetzt. Tobias Wolff, Intendant der Internatio­nalen Händel-Festspiele, sprach mit Laurence Cummings, dem künstlerischen Leiter des Festivals, mit der Sopranistin Sophie Junker, dem Tenor Paul Hopwood und mit Erich Sidler, der die Festspieloper inszeniert.

27.04.2018
Regional Konzertreihe „Saitenwechsel“ - „Frankreich gegen Italien“

In der Konzertreihe „Saitenwechsel – Musik im Parthenonsaal“ heißt am Sonntag, 29. April, „Frankreich gegen Italien“. Das Konzert geht der Frage nach, welcher barocke Nationalstil der bessere ist.

29.04.2018
Anzeige