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Publikumsrempler und lustvolles Demontieren

Misanthropisch Publikumsrempler und lustvolles Demontieren

Kantig sieht Wiglaf Droste aus, als er am Montagabend durch die Reihen der gut 100 Besucher im Club Vertigo auf dem Göttinger Campus zur Bühne geht. Erstaunlich breit sind die Schultern des Satirikers, energisch sein Gang. Er strahlt Entschlossenheit aus. Auf der Bühne schlug er schon mal Rad, das macht er diesmal nicht. Droste grantelt.

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Kantig und energisch: der bitterböse Satiriker Wiglaf Droste.

Quelle: Hinzmann

Als erstes geraten kreative Friseurmeister in sein Visier, die ihre Geschäfte mit lustigen Namen versehen. „Hairforce One“ beispielsweise, oder „Mata Haari“ und „Die Kopfgeldjäger“. Eine eigenwillige Marotte der Handwerker am menschlichen Kopf, doch gleich eine Tirade mit Droste-Vorschlägen wie „Haarakiri“ und die Billig-Variante „Haartz 4“ wert? Vielleicht doch, spätestens beim real existierenden Friseurladen mit dem Namen „Kaiserschnitt“.

Diesem wohlformulierten Text lässt Droste ein Stegreif-Stück folgen, auch das kann er. Vor allem, wenn ihm Ungebührliches begegnet wie in diesem Göttinger CD-Laden, in dem Droste am Nachmittag noch ein Album erstehen wollte zu Ehren des großen Tom Waits, der just am Montag seinen 60. Geburtstag feierte. „Wir führen keinen Pop“, habe der Mann am Tresen gesagt, berichtet Droste, erbost ob der Schmähung des musikalischen Großmeisters. Und teilt gleich aus: „Das Schöne an Kleinstädten wie Göttingen ist, dass man das, was man nicht hat, durch Dünkel wieder ausgleicht.“ Originell ist das Publikumsrempeln nur in Maßen, aber dafür sehr angesagt.

Elchpreisträger Helge Schneider mokierte sich ein wenig über Göttingen und damit die Göttinger, auch die Titanic Boygroup konnte es vor wenigen Wochen nicht lassen. Und Droste nimmt sich gleich noch den nächsten Göttinger vor. Er zitiert Christoph Reisner, den Chef des Göttinger Literaturherbstes, der gesagt haben soll: „Geile Briten, die einen heißen Reifen schreiben“, weshalb er, Reisner, sie „nach vorne bomben“ wolle. Droste schüttelt sich vor Grausen.

Noch andere stehen auf seiner Liste der zu Beleidigenden. Gerüstbauer beispielsweise, jene Handwerker also, die ihm lärmend das Leben als Stadtschreiber in Rheinsberg, 100 Kilometer nördlich von Berlin gelegen, vergällten. „Der Gerüstbauer ist ein Irrtum der Evolution“, habe er groß auf ein Stück Pappe geschrieben und an das Gerüst gehängt, erzählt Droste. Eine Abordnung der Geschmähten habe ihn wenige Tage später an der Wohnungstür zur Rede gestellt und dabei von Evolution gesprochen. Droste: „Der Gerüstbauer kennt das Wort Evolution und nimmt dennoch mit voller Absicht nicht daran teil.“

Genussvoll knöpft er sich den Chefredakteur des Hochglanzmagazins „Fit for fun“ wegen eines Editorials zum Thema Krise vor, vor allem aber wegen dessen Namen: Willy Loderhose. Till Schweiger nennt er einen Schauspielerdarsteller, seine Heimatstadt Bielefeld bedenkt er mit einem Schmähgedicht. Silvio Berlusconi nennt er „die hässlichsten Wörter, zu denen die Italiener fähig sind.“ Auch für den Proto-Schwiegersohn jeder deutschen Mutter einer Tochter hat er einen Zweizeiler im Anschlag: „Niemand ist der Wahrheit ferner als Johannes Baptist Kerner.“ Er war schon mal fröhlicher, der Misanthrop Droste. Immerhin: Kochen mag er offenbar immer noch gerne, nur sagt er es nicht mehr so deutlich.

Von Peter Krüger-Lenz

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