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Punkband Slime: Lesung und Talkshow in Göttinger Musa

Wie bei Heinrich Heine Punkband Slime: Lesung und Talkshow in Göttinger Musa

Wenn das Publikum in der Göttinger Musa Songs wie „Religion“, „Gewalt“ oder „“A.C.A.B.“ laut mitsingt, spürt man welche identitätsstiftende Bedeutung die Hamburger Punkband Slime hatte und hat. Am Freitag trat dort die wohl politischste Band des frühen Deutschpunks im Rahmen der Vorstellung ihrer Bandbiografie auf – ein Abend mit Lesung, Talk-Show und Konzert.

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Liest aus seinem Bandbuch über Slime: Daniel Ryser.

Quelle: Theodoro da Silva

Göttingen. Gemütlich sieht es aus im Saal: Auf der Bühne zwei Sofas mit Couchtisch und akustische Gitarren; das Publikum sitzt an kleinen Tischen – es fehlen nur noch Kerzen und Rotwein. Aber halt: Dann kommt Daniel Ryser auf die Bühne. Der Autor des Buches „Slime – Deutschland muss sterben“ geht zum Mikrophon und eröffnet den Abend mit den Worten „Passt auf ihr Scheißer – Ja?“ – jener legendären Ansage vom Slime-Sänger Dirk Jora im Jahr 1984.

Stil einer Poetry-Slam

Der Bandbiograph liest über die Gründung der Band 1979, verbotene Lieder, den Auftritt im Grand Hotel, Treffen mit Rio Reiser, Rockerkrieg in Hamburg und natürlich über den Fußballclub St. Pauli. Skurril, wie der fast schon wertkonservative Songtext von „Deutschland muss sterben“ bis vor das Bundesverfassungsgericht kam – und von den Richtern als Kunst bewertet und mit einem Werk von Heinrich Heine verglichen wurde. Die Lesung von Ryser ist ein Performance: wie ein Rockstar klammert er sich an den Mikrophonständer und liest im Stil einer Poetry-Slam. Die etwa hundert Besucher können immer wieder lachen.

Gemütlich auf dem Sofa

Zur Talkrunde macht es sich der Autor mit Slime-Sänger Dirk Jora und den Gitarristen Michael Mayer und Christian Mevs auf dem Sofa gemütlich. Entspannt sprechen sie über gesellschaftliche und private Befreiungen. Schnell kommen sie auf die Feindbilder der Punks: Nazis und Polizei. Deren Gewalt bezeichnen die Musiker als „Gewalt“, die Gewalt der Punks nennen sie dagegen harmlos „nonverbaler Widerstand“.

Druck mit Akustik-Klampfe

Der Abend endet mit einem kurzen Slime-Auftritt. Beide Gitarristen greifen zur Akustik-Klampfe und machen mächtig Druck. Dirk Jora singt Songs aus den Anfängen und Vertonungen von Gedichten des Lyrikers und Anarchisten Erich Mühsams. Der Auftritt endet – natürlich – mit dem Hit „Deutschland muss sterben“. Der Applaus des Publikums war dann aber doch etwas zu brav und zurückhaltend. Vielleicht lag an diesem Abend zu viel Nostalgie in der Luft.

Von Udo Hinz

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