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Regional Reise durch die alttestamentlichen Geschichten
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18:21 22.06.2011
Hat sich mit biblischen Geschichten auseinandergesetzt: Niyozali Kholmatov. Quelle: Heller
Göttingen

Diese vier Gestalten in den Schriften hat der usbekische Künstler Niyozali Kholmatov aus Taschkent zum Anlass genommen, Motive aus den Erzählungen auszuwählen und sie nicht etwa in typisch usbekischer Tradition darzustellen. Er hat sie in orientalische Miniaturen gebettet. Jetzt wurde die Ausstellung, die sich zu gleichen Teilen auf die Innenstadtkirchen St. Jacobi und St. Johannis verteilt, eröffnet. Noch bis zum 28. August werden die Miniaturen entlang der Seitenschiffe der Kirchen zu sehen sein.

Die gerahmten Bilder sind entsprechend der fortlaufenden Erzählungen von Josef, Mose, David und Salomo gehängt. Die Betrachter werden während ihres Ganges durch die Kirche entlang der Bilderzyklen auf eine Reise durch die alttestamentlichen Geschichten mitgenommen und können sich durch die abstrakte und gleichzeitig beeindruckend lebendige Darstellung nach und nach die einzelnen Gestalten und ihre Geschichten erschließen.

Das Besondere an den Miniaturen ist laut Kholmatov, dass ein Bild mehrere Gedankenstränge vereint und dass auf diese Weise auf einer einzigen Miniatur ganze Perikopen oder komplexe, vielschichtige Gedankengänge in Gänze erzählt werden können. So beispielsweise im Bild, das Joseph im Brunnen zeigt: Ist im oberen Abschnitt des Bildes schon die Karawane zu sehen, die Joseph nach Ägypten bringen wird, steht in seinem Zentrum der eigentliche Verkauf durch seine Brüder und die Übergabe der Silberstücke. Im unteren Teil ist schließlich zu sehen, wie die Brüder das Kleid Josephs mit dem Blut des Ziegenbocks beschmieren, um den Vater zu täuschen.

Der Künstler will nicht die Wirklichkeit abbilden. Er schildert den Stoff, wie er ihn sieht. Er vereint künstlerische Einflüsse aus der Ikonographie und der islamischen Buchkunst und vermeidet so die Festlegung auf eine religiöse Richtung.
Kholmatov gehört keiner christlichen Kirche an, er ist weder Jude noch Moslem. Motiviert zu dem Bilderzyklus wurde er also nicht etwa durch eigene religiöse Gedanken. Vielmehr faszinierte ihn, dass Josef, Mose, David und Salomo mit ihren Geschichten in allen drei Religionen vorkommen. Er entwickelte ein rein intellektuelles und künstlerisches Interesse an den Figuren.

Bemerkenswert ist die ungewöhnliche Technik Kholmatovs: Seine Farben aus Eiweiß, Tempera und Gummi Arabica mischt er selbst nach alten orientalischen Rezepten, nach denen er lange forschen musste. Er hat diese Traditionen für sich wiederbelebt und weiterentwickelt. Der Schlüssel zu seinen leuchtenden und faszinierenden Miniaturen sind die Farben, die er verwendet. Eiweiß ist es, was die Farbe transparenter und glatter werden lässt und außerdem konserviert. Auch das Papier, auf dem Kholmatov malt, ist von ihm besonders behandelt. Er benutzt feines Seidenpapier aus China, das er mit einem Achatstein abschleift und so mit Reisstärke bearbeitet, dass sich später eine feine Marmorierung abzeichnet und sich eine besondere Glätte entwickelt.

Die Bilder vereinen sich in ihrer Gesamtheit zu einer sehenswerten Ausstellung biblischer Motive, deren Tiefe nicht im Vorbeilaufen erfasst werden kann. Erst durch geduldiges Hinsehen sind sie zu begreifen und können geschätzt werden. Sie lassen erkennen, dass sie nicht nur einen Textbestand abbilden wollen, sondern das, was die Kulturen verbindet. Sie wollen mit eigenen Augen gesehen und individuell verstanden werden.

Die Ausstellung ist noch bis Sonntag, 28. August, in den Göttinger Innenstadtkirchen St. Jacobi und St. Johannes zu sehen.

Von Indra Hesse

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