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Literaturherbst: Natascha Wodin Sprache als Seil

Im Roman „Sie kam aus Mariupol“ arbeitet Natascha Wodin die Geschichte ihrer Mutter auf – einer sowjetischen Zwangsarbeiterin in Deutschland. Am Mittwoch, 18. Oktober, liest sie während des Literaturherbstes im Alten Rathaus Göttingen daraus vor.

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Natascha Wodin wurde auf der Leipziger Buchmesse in Leipzig für ihren Roman „Sie kam aus Mariupol“ in der Kategorie Belletristik mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2017 ausgezeichnet.

Quelle: dpa-Zentralbild

Göttingen. Am Anfang weiß sie fast nichts über ihre Mutter, über ihre ganze Familie. Doch nach und nach geht Natascha Wodin, die Tochter zweier sowjetischer Zwangsarbeiter im Dritten Reich, aufgewachsen in einem „Displaced Persons“-Lager, in ihrem Roman „Sie kam aus Mariupol“ auf Spurensuche in ihrer eigenen Familiengeschichte.

Preis der Leipziger Buchmesse 2017

Für den Roman gewann Wodin im Frühjahr den Preis der Leipziger Buchmesse 2017 in der Kategorie Belletristik. Während des Göttinger Literaturherbstes, am Mittwoch, 18. Oktober, hält sie eine Lesung im Alten Rathaus.

In ihrem Roman geht die 1945 geborene Wodin selbstreflektiv mit ihrer Recherche und dem Roman-Schreiben um. Es geht ums (Nicht-)Erinnern, um die große Lücke in ihrer Vergangenheit, die sie schließen möchte. „In meiner Erinnerung war sie nur noch ein Schemen, mehr ein Gefühl als eine Erinnerung“, schreibt sie über ihre ukrainische Mutter, die sich in der Regnitz umbrachte, als die Autorin gerade zehn Jahre alt war – und der sie nun, Jahrzehnte später, nachspürt. Und damit auch Wissen über Zwangsarbeit und „Displaced Persons“(DP) offenlegt, das an kaum einer anderen Stelle thematisiert wird. „Die längste Zeit meines Lebens hatte ich gar nicht gewusst, dass ich ein Kind von Zwangsarbeitern bin. Niemand hatte es mir gesagt, nicht meine Eltern, nicht die deutsche Umwelt, in deren Erinnerungskultur das Massenphänomen der Zwangsarbeit nicht vorkam“, schreibt Wodin kritisch.

Ein Internetfreak treibt die Recherche an

Nach und nach sammelt die Autorin – mithilfe von Konstantin, einem Internetfreak, auf den sie zufällig in einem russischsprachigen Forum stößt, und der die Bevölkerung am Asowschen Meer erforscht – Wissen über die Leidensgeschichte ihrer Familie an. Denn so viel wusste sie: Ihre Mutter stammte aus Mariupol, einem ukrainischen Ort am Asowschen Meer. Mithilfe von Konstantin findet sie heraus, dass sie mütterlicherseits aus einer aristokratischen Familie stammt und ihre Vorfahren eines der luxuriösesten Anwesen in Mariupol bewohnt haben – bevor das Leiden begann. „Er war der Zauberer, ich seine Assistentin, die Gehilfin eines Meisterdetektivs“, schreibt Wodin über ihre Beziehung zu Konstantin, den sie nur aus Mails kennt und der doch federführend diese Geschichte vorantreibt.

Natascha Wodin

Natascha Wodin: „Sie kam aus Mariupol“, Rowohlt Verlag, 19,95 Euro.

Quelle: Rowohlt

Die sich nach und nach ergebenden Abzweigungen in dem Familienstammbaum sind so spannend wie auch bedrückend – auch für die Autorin, die in dem Buch selbst immer wieder Zweifel an ihrer Recherche anbringt. „[...] was ging mich das alles an, das sowjetische und das postsowjetische Fiasko, das nie endende russische Fatum, [...] das Gefangensein zwischen Untertanentum und Anarchie, [...], diese ganze unaufgeklärte, finstere Welt, diese Familiengeschichte aus Ohnmacht, Besitzergreifung, Willkür und Tod, dieses unselige Russland [...]“, schreibt Wodin eindrücklich – und macht trotzdem weiter.

Bedrückende Geschichte – persönlich und historisch

Bedrückend ist in Wodins Geschichte nicht nur das ewige Unglücklichsein ihrer Mutter – mündend im angekündigten Selbstmord –, sondern auch die Historie hinter dieser privaten Dokumentation. Zu wissen, dass es 30 000 Zwangsarbeitslager im Deutschen Reich gegeben hat, darin Millionen von Menschen aus dem Osten, denen es, wie Wodin in ihrem Roman erzählt, auch nach der Zwangsarbeit nicht besser erging. In die Ukraine rückkehren war keine Option, weil jemand „der sich womöglich freiwillig hatte nach Deutschland deportieren lassen oder dem es zumindest nicht gelungen war, sich der Zwangsarbeit für den Kriegsfeind zu entziehen“ als Vaterlandsverräter galt.

Die „Displaced Persons“, wie diejenigen genannt werden, die nach der Zwangsarbeit nicht heimkehren, sondern an dem Ort der Zwangsarbeit bleiben, leben in Parallelgesellschaften in DP-Lagern. „Über Nacht ist eine neue Menschenkategorie entstanden [...] Millionen von slawischen Nichts- und Niemandsmenschen, die bald auch den amerikanischen Befreiern suspekt sind“, schreibt Wodin über die DPs, in die sie hineingeboren ist. Den Besuch einer Lagerschule, so erzählt die Autorin, sieht sie als ihre Rettung: „Die deutsche Sprache wird zum starken Seil, das ich sofort ergreife, um mich daran hinüberzuschwingen auf die andere Seite, in die deutsche Welt.“ Mit diesem Seil schwingt sie sich und ihre Leser in ihrem Roman „Sie kam aus Mariupol“ noch einmal zurück, in die Leidenswelt ihrer Familie – in ein Stück Zeitgeschichte.

Natascha Wodin liest am Mittwoch, 18. Oktober, ab 19 Uhr im Göttinger Alten Rathaus aus „Sie kam aus Mariupol“.

Von Hannah Scheiwe

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