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Richard Wagners „Tannhäuser“ an der Kasseler Staatsoper

Lorenzo Fioroni Richard Wagners „Tannhäuser“ an der Kasseler Staatsoper

Sinnenlust ist sündig, wahre Liebe aber ist hehr und rein. Aus diesem Gegensatz haben sich jahrhundertelang Moralvorstellungen gespeist. Doch zwischen dem, was offiziell verkündet und was praktiziert wurde, bestanden gewisse Unterschiede.

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Feine Gesellschaft: Landgraf Hermann (H. S. Yoon),  Tannhäuser (P. McNamara), Heinrich (M. Nkuna) und Biterolf (M.-O. Oetterl) (v. l.).

Quelle: Klinger

Kassel. Sicher hat sich auch Richard Wagner an solchen Normen orientiert. Sein „Tannhäuser“ jedenfalls, der jetzt in einer Inszenierung von Lorenzo Fioroni Premiere am Staatstheater Kassel hatte, spiegelt getreulich diese Moral. Der Titelheld hat sich, der verderblichen Sinnenlust im Venusberg verfallen, einer Todsünde schuldig gemacht. Und nur die reine Elisabeth kann ihn erlösen – im Tod, wie sich das bei Wagner gehört.

Kann man dies eins zu eins darstellen? Soll man Wagner, dessen private Lebensführung die gesellschaftlichen Normen seiner Zeit nachhaltig ignorierte, eine derartige moralische Rigidität abnehmen? Fioroni jedenfalls stellt nicht das übliche Tannhäuser-Szenario auf die Bühne. Bei ihm ist die Gesellschaft im Venusberg genau so verworfen oder nicht verworfen wie die Gesellschaft der edlen Ritter. Alle feiern Party. Alle wollen nur ihren Spaß. In diesem Sinne ist seine Inszenierung ausgesprochen zeitnah.

Bühnenbildner Paul Zoller hat einen großen Kasten auf die Drehbühne gestellt, drinnen ein ansteigendes Podest. Der Kasten ist Venusberg und heil’ge Halle gleichermaßen, illustriert also die Grundidee der Inszenierung gleich im Ambiente. Einzig in den großen Chorszenen wird es ein bisschen zu eng auf der Bühne, da wird die Architektur unpraktisch.

Auch wenn Fioronis Ansatz sehr nachvollziehbar ist, bleiben in der Umsetzung manche Fragen offen. Ja, bisweilen lassen sich die Einfälle überhaupt nicht in dieses Konzept einordnen. Dass die Partygäste beim Sängerkrieg beispielsweise als Rotkäppchen, Froschkönig oder die sieben Raben auftreten, bringt zwar viele bunte Farbtupfen, will aber der Entschlüsselung der Opernhandlung nur wenig dienen.

Weshalb Venus und Elisabeth ein derart enges Verhältnis zueinander haben, dass sie immer wieder gern nebeneinander sitzen auch dort, wo Wagner sie gar nicht gemeinsam auf die Bühne geschickt hat, will sich ebenfalls nicht so recht erschließen. Manchmal schießt dem Zuhörer durch den Kopf, er müsse wohl doch zu doof sein, die Zusammenhänge zu verstehen. Das ist eigentlich ein unangenehmes Gefühl.

Die Krone unter den Minnesängern

Solche Gefühle dürften es gewesen sein, die am Ende der Premiere etliche Besucher zu unüberhörbar lautstarken Buhrufen gegen das Regieteam veranlasst haben. Dafür gab es aber nicht minder kräftige Beifallssalven für das musikalische Team.

Für die Titelpartie und die Rolle der Elisabeth sind Gäste engagiert. Den Tannhäuser singt der irische Tenor Paul McNamara: ein Sänger mit beachtlichen Qualitäten, der sich nach kräfteforderndem Einsatz zu Beginn im zweiten Aufzug etwas zurücknahm, um in der Romerzählung im letzten Akt noch einmal seine ganze Gestaltungskunst präsentieren zu können.

Die amerikanische Sopranistin Kelly Cae Hogan, die zur Spielzeiteröffnung als Leonore in Beethovens „Fidelio“ glänzte, singt die Elisabeth. Ihr Stimmvolumen ein eindrucksvoll groß, darstellerisch ist sie absolut überzeugend.

Die Krone unter den Minnesängern gebührt dem wunderbar geschmeidig singenden Stefan Zenkl mit seinem edel timbrierten Bariton als Wolfram von Eschenbach. Johannes An (Walther), Marc-Olivier Oetterli (Biterolf), Musa Nkuna (Heinrich) und Krzysztof Borysiewicz (Reinmar) komplettieren zuverlässig die Sängerriege. Ulrike Schneider ist eine mit Stimmgewalt und Gestaltungskraft überzeugende Venus. Ihren markanten hellen Sopran kann Linlin Fan in der Rolle des jungen Hirten eindrucksvoll leuch­ten lassen.

Dass dem Chor, einstudiert von Marco Zeiser Celesti, in A-cappella-Passagen bisweilen die Intonation deutlich verrutschte, auch wenn man am Schluss wieder in die Tonart zurückfand, ist schade. Umso schöner präsentierte sich das Orchester, in dem Dirigent Patrik Ringborg für Durchsichtigkeit, nirgends nachlassende Spannung und feinste Klangfarbenabstufungen sorgte. Vor allen ihm und den Solisten des Abends galt am Ende der lautstärkste Beifall.

Von Michael Schäfer

Weitere Vorstellungen: 4. und 25. Mai, 1., 8. und 22. Juni um 18 Uhr, 9. Mai und 16. Juni um 17 Uhr. Kartentelefon 05 61 / 10 94 222.
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