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Regional 2100 – Albtraum im Weltraum
Nachrichten Kultur Regional 2100 – Albtraum im Weltraum
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00:18 20.05.2017
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Göttingen

Aussaat in den Kosmos ist wieder Thema. Viele fantasieren von einer Besiedlung des Mars, als wäre die übermorgen möglich. Manche wollen viel weiter weg – zu zweiten Erden irgendwo im All. Das Gefühl macht sich breit, dass wir es auf Terra vermasselt haben. Zu viele Kriege, Religion, Terror und die Polkappen schmelzen auch noch. Die Alten fühlen Schuld in sich aufsteigen, die Jungen Depression und der Meisterphysiker Stephen Hawking gab der Menschheit vor ein paar Wochen noch 100 Jahre. Die nächste Generation bräuchte da gar keinen Nachwuchs mehr zu zeugen.Nix wie weg. Go space!
Die Science-Fiction geht voran, wo die Wissenschaft hinkt. Der große Traum wird vom heutigen Donnerstag an im Kino neu geträumt: 2000 tief schlafende Kolonisten, hunderte tiefgekühlte Embryonen sind mit der „Covenant“ unterwegs zum Planeten Origae 6. Ein stählerner Phallus ist dieses Schiff, rauscht anno 2104 durchs All, um fremde Welten zu befruchten, bewacht vom braven Androiden Walter.


Während einer Energietankphase knallt dann eine Neutrinowelle in die Sonnensegel, die Crew wird geweckt, der Astromechaniker Tennessee fängt bei der Reparatur eine Botschaft auf. Eine Geisterstimme singt da mitten im Nirgendwo einen John-Denver-Song: „Take me home, country roads“. Eine Empfehlung? Ab nach Hause?
Die ominöse Sendung stammt von einem nahen Planeten, quasi zweite Ampel links, der offenbar noch weit bessere Bedingungen aufweist als das sieben Jahre entfernte eigentliche Ziel. Mal nachgucken kann ja nicht schaden, findet Captain Oram (Billy Crudup) und landet mit einem Stoßtrupp – darunter die widerstrebende Erste Offizierin Daniels (Katherine Waterston) und der synthetische Mensch Walter (Michael Fassbender) – in der Nähe des Signalursprungs. Ein Wachposten sagt im Fremdweltwald noch „Ich muss mal pinkeln“ – das sind seine „famous last words“. Der erste von vielen Toten. Die Fauna des Planeten birgt Killer, und als alles schon verloren scheint, tritt ein Retter aus der Dunkelheit. Es ist David (ebenfalls Fassbender), der Androidensnob, dessen abgetrennten Kopf die Raumfahrerin Elizabeth Shaw (Noomi Rapace) in Scotts Vorgängerfilm „Prometheus“ bei der Flucht vom Planeten der kaltblütigen Gentechniker gerade noch in ihrer Tasche verstauen konnte. Jetzt sieht er vollständig aus. Nur Shaw fehlt.


„Alien: Covenant“ spielt zehn Jahre nach dem epischen, die Frage nach dem Ursprung der Menschheit verhandelnden „Prometheus“. Diesmal gibt der 79-Jährige Scott der Fangemeinde Action und Monster, fiese außerirdische Spezies, die sich als Mikrobenschwärme in Ohr oder Nase desWirts ansiedeln und dann als Raptoren durch den Körper der Wirtspersonen brechen. Auch der Prototyp des klassischen „Aliens“, der schwarze Xenomorph mit seinem Bananenschädel (samt seiner gemeingefährlichen Vorstufen „Gesichtsschmieger“ und „Brustberster“) hat seinen Auftritt. Leider bleiben die meisten Raumfahrer der „Covenant“ unterentwickelt, Lebendfutter für die Kreaturen.
Fassbenders Spiel des doppelten Robots ist faszinierend: David, besitzt einen weit freieren Willen als das spätere, wieder stärker als Menschendiener konzipierte Modell Walter. Was für Walter „Pflicht“ ist, sieht David als „Liebe“, aber im Verlauf des Disputs kommt Walter seinem humanistisch überlegenen „Bruder“ auf Schliche, die das Kolonisationsprojekt gefährden. Das Menschengeschöpf David gefällt sich in gottähnlichem Gebaren.
All das ist eindrucksvoll in anthrazitfarbene Gruftdüsternis gehüllt, begleitet von jener funkelnden, sickernden Musik, die den Zuschauer schon beim ersten „Alien“-Film 1979 nervös werden ließ. Das Finale ist böse, lähmend, grandios. „Im Weltraum hört dich niemand schreien“ – so lautete damals der Slogan. An Bord vom Raumschiffen oder auf der Oberfläche von Planeten hört man diese Schreie aber wohl, und die Millionen „Alien“-Fans werden nächtens davon verfolgt werden. Hier ist ein starker Mix aus oberflächlichem Schrecken (sehr viel!) und tief schürfenden Gedanken (wohldosiert). Manche werden den Kriech-Horror des Originals vermissen.
Was Scott all den Allpionieren unserer Tage sagt, ist: Bleibt zu Hause, repariert den Mist auf Erden und lasst euch von Hawking nicht bange machen. Im Weltraum sind wir am Ende doch nur Beute. So bleiben wir also hier unten und warten  gespannt auf den nächsten „Alien“-Film. Geplant sind noch zwei Fortsetzungen, bevor die Ereignisse an die fatale Reise von Ellen Ripley andocken sollen.

Von Matthias Halbig

„Woher stammen die Alien-Eier?“

Mr. Scott, mit „Alien“ haben Sie 1979 Filmgeschichte geschrieben. Warum haben Sie den Stoff nun fortgeführt?
Der erste „Alien“-Film zeigte dem Publikum ein Raumschiff, das auf einem fremden Planeten gelandet ist, sowie eine Ladung voller Eier, aus denen ein Alien entstand. In den nachfolgenden Filmen wurde zwar ein Monster nach dem anderen bekämpft, aber niemand hat die Frage gestellt, woher diese Eier kommen. Vor zehn Jahren bin ich zu den Fox-Studios gegangen und habe gesagt: Ich kann dieses Franchise wiederbeleben, aber es ist an der Zeit, ein paar Fragen zu stellen.
Das neue Raumschiff heißt „Covenant“, was so viel wie „Abkommen“ oder „Verpflichtung“ bedeutet. Wieso dieser Name?
Die Besatzungsmitglieder des Raumschiffes haben sich gegenseitig das Versprechen gegeben, einen neuen Planeten zu besiedeln. Die Raumfahrer sind ein wenig wie die ersten englischen Siedler, die Richtung Amerika in eine neue Welt aufgebrochen sind.
Seit Ende der Siebzigerjahre haben sich mit der Digitaltechnik die visuellen Möglichkeiten stark verändert. Was heißt das für einen Monsterfilm wie „Alien“?
Heute kann man wirklich fast jede Idee in Bilder umsetzen, wenn man genug Geld hat. 1979 mussten wir noch einen Schauspieler in diesen unbequemen Alien-Gummianzug stecken. Deshalb sah man das Monster damals auch nur sehr selten.
Was fasziniert eigentlich an „Alien“-Filmen?
Ich glaube, viele Menschen lassen sich gern auf intelligente Weise zu Tode erschrecken.
Lassen Sie sich selbst noch erschrecken?
Nein, nicht wirklich. Ich analysiere den Schrecken lieber.
Interview: Martin Schwickert

„Alien: Covenant“, Regie: Ridley Scott, 122 Minuten, FSK 16
In Göttingen im Cinemaxx

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