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Regional Roswitha-Preis in Bad Gandersheim an Terézia Mora verliehen
Nachrichten Kultur Regional Roswitha-Preis in Bad Gandersheim an Terézia Mora verliehen
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00:16 03.07.2018
Der Roswitha-Preis 2018 der Stadt Bad Gandersheim ist an die in Berlin lebende deutsch-ungarische Schriftstellerin Terézia Mora vergeben worden. Foto: Terézia Mora (rechts) mit Bürgermeisterin Franziska Schwarz Quelle: Britta Eichner-Ramm
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Bad Gandersheim

Der frühere Bundespräsident Roman Herzog habe den Roswitha-Preis einmal als das „Who is who der weiblichen Literaturgeschichte“ bezeichnet, sagte Bad Gandersheims Bürgermeisterin Franziska Schwarz am Sonnabend in ihrer Begrüßung zur Verleihungsfeier vor den Ehrengästen, unter ihnen der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil.

Weil hob in seinem Grußwort das hohe Renomee des Roswitha-Preises hervor und lobte die hohe Qualität der Preisträgerinnen. Teréza Mora zähle unbestritten zur ersten Reihe der deutschsprachigen Literatur, sagte Weil. Die Namensgeberin des Preises, Roswitha von Gandersheim, bezeichnete der Ministerpräsident als bahnbrechend, denn sie sei die erste Frau, die als Schriftstellerin tätig gewesen sei. Damit sei Roswitha Weils Worten zufolge „ein Musterbeispiel der Gleichstellung“.

Ministerpräsident Stephan Weil (SPD, Mitte) mit Bürgermeisterin Franziska Schwarz (links) und Terézia Mora (rechts). Quelle: Britta Eichner-Ramm

Schwarz erläuterte die Entscheidung der Jury, die gebürtige Ungarin Mora als nunmehr 45. Preisträgerin des Roswitha-Preises auszuwählen. „Terézia Mora ist eine Ausnahmeerscheinung unter den deutschsprachigen Schriftstellerinnen. Ihre Romane und Erzählungen fangen Ausschnitte von Wirklichkeit ein und transzendieren diese in kunstvoller Weise zu sprachlich herausragender Literatur.“ Insbesondere mit ihren Romanen „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ und „Das Ungeheuer“ sei ihr „auf verblüffende Weise die Darstellung eines von der modernen Arbeitswelt überforderten Individuums und, als Parallelgeschichte, das erschütternde Protokoll eines unbemerkten Krankheitsverlaufs, der in einer Selbsttötung endet“, gelungen.

Mora erzähle „mit erzählerischer Wucht und formal raffiniert“ in ihren Büchern „von vermeintlicher Nähe, tatsächlicher Fremdheit und der Selbsterkenntnis in die eigenen Unzulänglichkeiten“. Und weiter: „So erbarmungslos, hart und rigoros der Blick auf ihre Figuren manchmal erscheinen mag, so deutlich zeichnet sich dahinter als Kehrseite dieser Genauigkeit die tiefe Humanität ihres Schreibens ab.“

Der Literatirkritiker und Laudator Christoph Schröder sprach von seinen persönlichen Lese-Glücksmomenten, die er bei der Lektüre von Moras Romanen empfunden habe. Sie sei die geborene Erzählerin, der es gelinge, ihre Romanfiguren technisch virtuos in Szene zu setzen. Auch gelinge es ihr, eine kalkuliert hergestellte Realität mit wechselnden Perspektiven zu schaffen, was dem Leser zunächst garnicht auffalle. Schröder kam zu dem Schluss, dass sich Mora jeden Preis verdient habe.

Mit ihrer Analyse der Werke Roswithas verglich Mora Weltsicht Roswithas mit der von Schriftstellern über die Jahrhunderte bis heute. Mora stellte in ihrer Rede klar, dass es in der deutschen Sprache kein Versprechen gebe: „Wer sagt, dass er nur mal was sagen will, sagt dass es so ist.“ Während der Feierstunde klangen mehrfach auch Anspielungen auf die Rolle Ungarns, der Heimat Moras, in Bezug auf die Rolle des Landes in Europa durch.

Die Preisträgerin

Mora, die in Berlin lebt, wurde 1971 in Sapron in Ungarn geboren. 1990 begann sie an der Humboldt-Universität Berlin ein Studium der Hungarologie und der Theaterwissenschaft. An der Deutschen Film- und Fernsehakademie wurde sie zur Drehbuchautorin ausgebildet. Die Schriftstellerin ist seit 20 Jahren als freie Autorin tätig.

Der Roswitha-Preis

Der mit 5500 Euro dotierte Preis wird seit 1973 vergeben. Mit dem Preis erinnert die Stadt Bad Gandersheim an die erste deutsche Schriftstellerin, die Kanonisse Roswitha von Gandersheim, die im 10. Jahrhundert im Stift Gandersheim Legenden, Dramen und historische Gedichte schrieb. Die Verleihung des traditionsreichen „Roswitha-Preises“ der Stadt Bad Gandersheim wird durch die Stiftung Niedersächsischer Volks- und Raiffeisenbanken, die Volksbank e.G. in Bad Gandersheim, die Paracelsus-Kliniken Bad Gandersheim und den Energienetz-Betreiber Avacon Netz GmbH gefördert.

Wer war Roswitha?

Roswitha lebte als Stiftsdame im sächsischen Kanonissenstift Gandersheim, das im Jahre 852 durch Herzog Liudolf von Sachsen gegründet wurde und bis 1810 bestand. Wie die Bad Gandersheimer Tourist-Information auf ihrer Internetseite schreibt, sei über die Biografie der Roswitha von Gandersheim, „die vermutlich aus einer sächsischen Adelsfamilie stammt“, ist nur wenig bekannt. Weder der Geburtsort noch die Lage ihres Grabes hätten bisher ermittelt werden können. Roswithas in Latein verfasstes Werk lasse drei Schaffensperioden erkennen. „Schon vor 959 entstanden acht christliche Legenden, deren Vorlagen Roswitha der Bibel sowie bekannten Märtyrer- und Heiligengeschichten entnahm“, heißt es weiter. Roswitha habe „ihre Kenntnis antiker Dichtung und Wissenschaft mit christlichen Motiven zu ebenso unterhaltsamen wie christlich-moralischen Stücken“, verbunden. „Den letzten Teil des literarischen Werkes, noch vor 973 entstanden, bilden zwei historischen Epen, die das Stift Gandersheim und die ottonische Kaiserdynastie verherrlichen.“

Die erste gedruckte Ausgabe der Werke Roswithas erschien 1501, illustriert mit Holzschnitten aus der Werkstatt Albrecht Dürers. „Celtis hatte im Kloster St Emmeram bei Regensburg eine Handschrift der Werke Roswithas aus dem 10. Jahrhundert entdeckt und deren kulturgeschichtliche Bedeutung erkannt“, so die Informationen der Tourist-Information weiter.

Heute gelten die Werke der Roswitha von Gandersheim als bedeutende literarische Zeugnisse der Kultur des Mittelalters. Eine gewisse Popularität habe die Stiftsdame als „erste deutsche Dichterin“ im Rahmen der nationalen Bewegungen seit dem 19. Jahrhundert erhalten.

Roswithas Spuren in Bad Gandersheim

In Bad Gandersheim spielt die Erinnerung an Roswitha eine wichtige Rolle. Seit den 1920er-Jahren stand sie im Mittelpunkt verschiedener Historienfeiern und seit 1959 finden vor der romanischen Stiftskirche, ebenfalls im Andenken an das Werk Roswithas, die Gandersheimer Domfestspiele statt. Seit 1973 wird jährlich der Literaturpreis der Stadt Bad Gandersheim an eine Dichterin aus dem deutschen Sprachraum verliehen, seit 1975 auch der Roswitha-Ring als Auszeichnung für eine Schauspielerin aus dem Domfeststpiel-Ensemble. In diesem Jahr wird das zum Abschluss der Festspiele 2018 am Sonntag, 5. August, um 11 Uhr auf der Festspielbühne sein.

Auch im Stadtbild ist die Stiftsdame und Dichterin allgegenwärtig. Ein Gedenkstein vor dem Chor der Stiftskirche (Siegfried Zimmermann, 1962) erinnert an sie, außerdem gibt es das Roswitha-Fenster in der Stiftskirche (Klaus Wallner, 1973) und den Roswitha-Brunnen vor der ehemaligen Abtei (Siegfried Zimmermann, 1978). Ein zeitgenössisches Portrait ist allerdings nicht überliefert. Unter dem Motto „Auf den Spuren von Roswitha von Gandersheim“ werden regelmäßig Stadtführungen angeboten, die sich Roswitha widmen. Informationen über Termine gibt es in der Tourist-Information und im Internet unter bad-gandersheim.de.

Von Britta Eichner-Ramm

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